Mönchengladbach: Die Knusperhexe ist der Star des Abends

Mönchengladbach : Die Knusperhexe ist der Star des Abends

Hinrich Horstkotte bringt die Märchenoper "Hänsel und Gretel" von Humperdinck als juxiges, dennoch kindgemäßes Lehrstück von furchtbegleiteter Entwicklung zur Selbstständigkeit auf die Bühne. Mit finaler Überraschung.

Wenn Hinrich Horstkotte in geballter Dreieinigkeit - als Regisseur, Bühnenbildner und Kostümdesigner - ans Bühnenwerk geht, kommt Fantastisches dabei heraus. Das hat der 44-jährige Bonner hier bereits mit der Operette "Die lustigen Nibelungen" und der Oper "Hoffmanns Erzählungen" bewiesen. Sein dritter Streich gilt einem spätromantischen, tief in biedermeierlicher Ästhetik verstrickten Werk, das der Komponist Engelbert Humperdinck 1893 in Weimar uraufführen ließ.

Das Libretto zum Märchen "Hänsel und Gretel" hat Humperdincks Schwester Adelheid Wette gegenüber dem als zu grausam empfundenen Original von Grimm bzw. Bechstein so (um)geschrieben, dass der Text kompatibel mit dem Bild einer heilen Familienwelt wird. So schickt die über ihre übermütig herumtollenden Kinder verärgerte Mutter (Janet Bartolova) Hänsel und Gretel nicht in die Verbannung, sondern als Strafarbeit zum Beerensammeln. Klar, dieses Märchen zielt auch auf den schmerzlichen Prozess des Erwachsenwerdens ab.

Im Wald, der aus riesigen herabhängenden Reisigbesen markiert wird, regiert die düstere Knusperhexe. Das macht Horstkotte bereits im Vorspiel der Oper deutlich, bei welcher der neue Kapellmeister Diego Martín-Etxebarria mit den Niederrheinischen Sinfonikern sein Debüt-Dirigat absolvierte. Da greift sich der bizarr kostümierte und maskierte Tenor Markus Heinrich als Hexe Rosina Leckermaul ein vorbeischlenderndes Kind nach dem andern, um sie in seinem Spezialofen zu Lebkuchen zu verbacken. Das wirkt eher geschäftsmäßig als bedrohlich, so dass auch kleinere Kinder ohne Schrecken ertragen, wie etliche Figuren aus deutschen Hausmärchen, darunter die Sieben Zwerge, in die qualmende Höhle wandern.

Bedrohlicher wirken die dunklen Lebkuchenmänner, stumme, dienstbare Geister der Hexe, die auch Hänsel und Gretel Angst einjagen. Im Spiel dürfen die Sopranistin Sophie Witte (Gretel) und der Mezzo Susanne Seefing als Hänsel ihre Rollen natürlich und fast frei von Persiflage entfalten. Die kleinen Volkslied- und Tanzszenen werden liebevoll zelebriert. Und anrührend und hochprofessionell gesungen.

Vollends ans Herz greift der wundersame "Abendsegen", das Duett der beiden vor dem Einschlafen im finsteren Wald. Es ist einfach nur schön, wenn 14 "Theaterspatzen" mit erleuchteten Herzen als geflügelte Engel in Weiß die schlafenden Kinder bewachen. Diesen Hör- und Schaugenuss kann auch ein als Arzt kostümierter Sandmann (Gabriela Kuhn) nicht trüben, der mit einer per Q-Tip verabreichten Schlafdroge dem überlieferten Bild so gar nicht entspricht. Eine Szene später, nach der Pause, erscheint Kuhn auch in der Rolle des Taumännchens, das die Kinder nicht mit Tautropfen, sondern mit einem großen Uhrwecker und einem Frühstück in den angebrochenen Morgen geleitet. Gute Idee.

Zum Star der Aufführung aber wird, ausgerechnet, die böse Knusperhexe. Markus Heinrich, durch Kothurne erhöht, trägt aberwitzig komische Kostüme, tritt mal als mafiöser Zauberer, mal als Parodie einer Konditorenmamsell, schließlich als Rocker-Braut in Lack und Leder auf, die sich zu ihrem Hexenritt (auf dem obligatorischen Besen) rüstet.

Als das Knusperhaus am Ende krachend auseinandergebrochen ist und die vielen Lebkuchenkinder ihre ursprüngliche Gestalt und Freiheit wiedererlangt haben, hat der Regisseur auch Erbarmen mit der bösen Hexe: Leicht angeschmort und mit griesgrämigem Blick darf sie den Ofen verlassen und sogar ein Stück vom Lebkuchen abbeißen.

Neben den Hauptdarstellerinnen Sophie Witte und Susanne Seefing ist der Bariton Johannes Schwärsky lobend zu erwähnen, der den angeschickerten Besenbinder Peter kongenial verkörpert und die Partie gesanglich famos bewältigt. Denn eins ist klar: Diese Oper des Wagnerianers Humperdincks stellt hohe Ansprüche an die Solisten. Und ans Orchester. Der neue Kapellmeister, Diego Martín-Etxebarria aus dem baskischen Bilbao, bewies eine ruhig sortierende Hand bei der passgerechten Umsetzung des großen, zeitlos beliebten Klanggemäldes und verschaffte Humperdincks Musik stets genügend Luft zum Atmen.

Weitere Termine: 7. und 21. Dezember; Tickets unter 02166 6151-100 und www.theater-kr-mg.de

(ri-)