Gespräch mit Dr. Thomas Hoeps: Kultur ist lebensnotwendig, kein Luxus

Gespräch mit Dr. Thomas Hoeps : Kultur ist lebensnotwendig, kein Luxus

Der Leiter des städtischen Kulturbüros spricht über den Boom der freien Kulturszene in Mönchengladbach, kulturelle Jugendarbeit, den gestiegenen Stellenwert der Literaturszene und die Landesmeisterschaft im Poetry Slam 2014.

Herr Dr. Hoeps, seit 2004 leiten Sie das städtische Kulturbüro. Wie hat sich die Gladbacher Kulturszene in den vergangenen Jahren entwickelt?

Hoeps Die Entwicklung insbesondere der freien Szene finde ich gigantisch. Sicher: Es gab zuvor schon viele Akteure und Institutionen in der Stadt. Aber die Vernetzung hat zugenommen. Und immer mehr junge Menschen engagieren sich in freien Projekten.

Woran liegt das?

Hoeps Zum einen ist das eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung. Aber es gibt auch kaum eine vergleichbar große Stadt, die so wenig Geld in die freie Kultur steckt wie Mönchengladbach. Die Kreativen haben begriffen, dass sie es daher selbst in die Hand nehmen müssen.

Theater und Museum werden mit Millionen-Beträgen subventioniert. Weckt das nicht Neid, gar Wut bei der freien Szene?

Hoeps Das ist ein konstruierter Gegensatz. Jeder Kulturakteur in der Stadt weiß, wie sehr Theater und Museum sich angesichts ihres knappen Budgets engagieren. Überall in der städtischen Kultur gibt es nur die Grundausstattung, nirgendwo ist Fett dran. Es kann deshalb nicht um Verteilungskämpfe gehen. Die Frage muss lauten: Woher bekommen wir zusätzliche Mittel?

Gerade hierbei ist Ihr Kulturbüro recht erfolgreich. Wie viele Dritt- und Fördermittel warben Sie bisher ein?

Hoeps Seit 2005 circa 570 000 Euro. Auf diese Summe sind wir sehr stolz, zumal unsere Eigenmittelquote bei neun Prozent liegt.

Können Sie aufschlüsseln, wie viel Geld Ihnen pro Jahr für was zur Verfügung steht?

Hoeps Wir erhalten rund 130 000 Euro jährlich an Landesfördermitteln für "Kultur und Schule" und den "Kulturrucksack". Etwa 4000 Euro stehen uns für spartenübergreifende kulturelle Projekte und 6000 Euro für die freie Kunstszene zur Verfügung. Unverändert erhält das BIS-Zentrum seit 15 Jahren 98 000 Euro. 20 Prozent davon fressen inzwischen schon Strom und Heizung.

Erfahren Sie eigentlich auch Unterstützung aus der Privatwirtschaft?

Hoeps Die genauen Zahlen kann ich Ihnen nicht nennen. Die NEW und die Stadtsparkasse sind starke Förderer des Kulturbüros.

Bereits 2007 zeichnete das Land die Stadt für ihr Konzept für kulturelle Bildung bei Kindern und Jugendlichen aus. 2012 gehörte sie zu den 25 Pilot-Kommunen, die vom Kulturministerium für das Projekt Kulturrucksack ausgewählt wurde. Was ist das?

Hoeps Bis 2015 erhalten wir jährlich 57 000 Euro für Kulturprojekte mit Zehn- bis 14-Jährigen. Viele davon richten sich an sozial benachteiligte Kinder, die bisher wenig Zugang zu Kunst und Kultur hatten.

Die Jugendarbeit ist ein Schwerpunkt Ihrer Arbeit...

Hoeps Ja, von Anfang an.

Weshalb?

Hoeps Die Kultur fördert das kritische Denken bei Kindern und Jugendlichen, sie öffnet ihnen Perspektiven. Die Welt säkularisiert sich immer weiter. Mit der Kultur ist es noch möglich, menschliche, existenzielle Werte zu vermitteln. Das mag pathetisch klingen, aber ich glaube, in diesem Punkt muss man Überzeugungstäter sein.

Planen, koordinieren, Konzepte entwerfen: Sind das die Hauptaufgaben des Kulturbüros?

Hoeps Darüber hinaus kümmern wir uns noch um die c/o-Künstlerförderung. Aber allgemein gesagt: Unser Hauptziel ist es, unterschiedliche Akteure zusammenzubringen und durch Ideen Kulturprojekte zu ermöglichen.

Sie selbst sind Schriftsteller. Verstehen Sie den Streit um den Neubau der Bibliothek?

Hoeps Für diese Frage bin ich der falsche Adressat. Das hat die Politik zu entscheiden.

Auch als Privatmann haben Sie keine Meinung dazu?

Hoeps (lacht) Ich sitze hier nicht als Privatmann.

Sie sprachen es bereits an: Die freie Kulturszene in der Stadt boomt. Dennoch hat man das Gefühl, dass der Kontakt zu den städtischen Institutionen wie Museum und Theater besser sein könnte...

Hoeps Das ist ein rein subjektives Gefühl. Es gibt viele Kooperationen. Die Kultur wird von vielen Menschen in der Stadt ermöglicht. Sicher, manchmal funktioniert die Zusammenarbeit, manchmal nicht — das ist normal.

Gibt es Projekte, auf die Sie als Kulturbüroleiter besonders stolz sind?

Hoeps Stolz bin ich zum Beispiel, dass wir die Criminale 2011 organisiert haben. Wir koordinierten das Festival für den gesamten Mittleren Niederrhein, also für 19 Städte, und warben die entsprechenden Mittel ein. Das war ein tolles Erlebnis.

Auch die Kulturnacht wird von den Gladbachern seit ihrer Premiere 2005 sehr gut angenommen...

Hoeps Ja, es war sehr wichtig, sie hier einzuführen. Derzeit überarbeiten wir aber für 2014 das Konzept.

Inwiefern?

Hoeps Wir hatten im vergangenen Jahr 250 Programmpunkte an einem Abend. Das war zu viel, es zerfaserte sich auch räumlich. Das Publikum war teils frustriert, weil es zu viel verpasste. Wir wollen das Angebot stärker konzentrieren, so dass die Besucher enger aneinanderrücken. Die Atmosphäre soll dichter werden.

Stimmt der Eindruck, dass die hiesige Literaturszene es mit Städten wie Duisburg oder Krefeld noch immer nicht aufnehmen kann?

Hoeps Nein. Gladbach hat eine sehr lebendige und vielfältige Literaturszene, insbesondere im Krimi und Poetry Slam. Denken Sie nur an Rebecca Gablé oder Jutta Profijt. Andererseits: Es gibt bei der Stadt keinen Etat für Literaturförderung. Ganz ohne Geld ist es schwer, etwas zu bewegen.

Die bildende Kunst fühlt sich inzwischen in Eicken und an der Waldhausener Straße wohl, unter anderem der Horst-Verein fördert Nachwuchs-Musiker: Gibt es einen kulturellen Bereich in der Stadt, den Sie sich stärker wünschen?

Hoeps Es stimmt, bildende Kunst ist immer schon eine große Stärke der Stadt, und auch die Musikszene ist sehr spannend. Es mangelt allerdings an einer freien, professionellen Theater- und Tanzszene.

Liegt das daran, dass Theater in Zeiten des Fernsehens und Internets uncool geworden ist?

Hoeps Unsinn. Theater ist überhaupt nicht uncool geworden.

Woran liegt es dann?

Hoeps Es liegt immer daran, ob es Menschen gibt, die so etwas machen wollen und in die Hand nehmen. Und gerade im Theaterbereich bedarf es der finanziellen Förderung. Ein Schriftsteller kann sich in ein Café setzen, fürs Schauspielern braucht es Räume und Ausstattung.

Verstehen Sie, dass zuallererst immer bei der Kultur der Rotstift angesetzt wird?

Hoeps Ich verstehe das, bin aber dagegen. Kultur ist eine sogenannte freiwillige Leistung. Früher war dieser Begriff ehrenhaft, er bedeutete: Die Stadt kann hier frei gestalten. Mittlerweile ist der Begriff zum Schimpfwort geworden, das überflüssigen Luxus suggeriert. Dabei ist Kultur lebensnotwendig.

Auf welche geplanten Projekte freuen Sie sich zurzeit besonders?

Hoeps Wir sind sehr stolz, dass wir dank Jonas Jahn und Markim Pause die Landesmeisterschaft im Poetry Slam 2014 nach Gladbach holen. Diese lebendige und frische Art der Live-Dichterwettkämpfe gewinnt vor allem ein junges Publikum für die Literatur. Darüber hinaus planen wir eine grundlegende Überarbeitung der Kujuki-Seite.

Das ist die städtische Internetseite für Kinder. Ist sie erfolgreich?

Hoeps Ja, sie hat 90 000 Seitenaufrufe im Jahr und 1000 Besucher im Monat.

Was wünschen Sie sich für die Stadt und ihre Kulturszene?

Hoeps Ich wünsche mir, dass sich die Dynamik in unserer Szene weiter fortsetzt und potenziert. Ich wünsche mir, dass die Menschen begreifen, dass sich Gladbach — trotz aller Schwierigkeiten — in einem tollen Aufbruch befindet. Erst letztens war einer meiner Besucher, der durch die Stadt gefahren ist, erstaunt, wie viel hier in Bewegung ist. Die Gladbacher sollten diesen Blick von außen auch mal selbst ausprobieren.

FABIAN EICKSTÄDT UND DIRK RICHERDT FÜHRTEN DAS GESPRÄCH MIT THOMAS HOEPS.

(fae)