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Kolumne Denkanstoß: Das segensreiche Potential des diesjährigen Osterfest

Kolumne Denkanstoß : Ostern 2020 hat segensreiches Potential

Aus Zeiten der Verunsicherung kann Zuversicht geschöpft werden. Die Kar- und Ostertage 2020 könnten dabei helfen.

Unser Leben hat sich verändert. Bei vielen macht sich Verunsicherung breit. Manch einer fragt sich, ob die Welt aus den Fugen gerät. Andere finden, dass Angst der schlechteste Ratgeber ist. Was noch alles in der Coronazeit auf uns zukommt, liegt nicht in unserer Kompetenz. Das „Hören“ auf das, was die medizinische Fachwelt an Handlungsstrategien anbietet und was die Regierenden umsetzen wollen, wird immer bestimmender. Natürlich braucht es jetzt allgemein akzeptierte Spielregeln. Politisch gesehen bleibt dieses „Hören“ gebunden an demokratische Spielregeln.

Kommende Woche beginnt für uns Christen die Karwoche an deren Ende das Osterfest steht. Gemeinsam feiern können und wollen wir es nicht, weil wir die gesellschaftlichen Spielregeln überzeugt mittragen. Verlieren der Karfreitag und das Osterfest dadurch an Bedeutung? Gut ist, dass es in den Medien viele Gottesdienste zu hören und zu sehen gibt: Fernsehen, Radio und Streaming macht dies möglich. Viel wichtiger finde ich, dass Christen die Kar- und Ostertage persönlich für sich selbst und in der Hausgemeinschaft, in der sie leben, feiern. Ostern 2020 bietet durch die Einschränkung auch eine Chance. Vielleicht hat Gott uns dieses Jahr etwas zu sagen, wofür er von uns das Ohr braucht, das sich nach innen orientiert.

Im geistlichen Leben wird für Krisenzeiten eine innere Hörbereitschaft geraten. Niemand soll sich vorschnell entscheiden und neu ausrichten. Denn „Gott könne am Gegenteil mehr gefallen haben“ (Bernhard von Clairvaux) als an dem, was ich gerade für den richtigen Weg erachte. Es braucht manchmal eine ganz neue Sicht der Dinge, die aus einem inneren Hören erwächst. Papst Franziskus hat kürzlich vor dem Segen Urbi et Orbi eine innere Einsicht formuliert. Angesichts weltweiter Ungerechtigkeit, tobender Kriege und vieler Flüchtlinge betete er: „Wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“ Unsere bisherige Lebensweise ruft danach, diesen Schrei zu hören. Ostern 2020 gibt durch Wegfall der äußeren Feierkultur die Gelegenheit, dass jede und jeder Getaufte Karfreitag und Ostern mal ganz anders erlebt und feiert.

Im Evangelium gibt es eine österliche Szene, die den Karfreitag nicht ausblendet. Jesus wird zu seinem sterbenden Freund Lazarus gerufen. Er ist innerlich bewegt und tief getroffen. Und doch wagt er am Beginn dieser Erzählung (Joh 11, 1-45) eine Verheißung, die überrascht. Er sagt: „Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen.“ Lazarus stirbt trotzdem. Der Karfreitag wird zur bitteren Realität. Jesus steht vor der Grabkammer seines Freundes und leugnet die Realität des Todes nicht. In der erfahrenen Krise wird ihm seine eigene innere Stimme zur Gewissheit. Diese innere Stimme kennen übrigens viele krisengeschüttelte Menschen. „Komm heraus!“ – ruft diese Stimme zuerst ganz leise. Komm endlich heraus aus dieser Enge deines Grabes und deines todbringenden Lebens. Die innere Stimme, die Jesus hört, wird zum erlösenden Ruf, der überzeugend nach außen dringt und selbst den toten Lazarus erreicht.

Einer außergewöhnlichen Situation begegnet Jesus mit einer außergewöhnlichen Zuversicht. Auch das, was wir derzeit erleben, braucht unsere ganze Zuversicht. Ungewohnte Handlungsmuster werden uns abverlangt. Neue Formen des Zusammenhalts und der Solidarität werden möglich. Kreative Ideen tauchen auf, die menschliche Nähe und gegenseitige Hilfe ermöglichen. Ostern 2020 hat segensreiches Potential und weist zugleich auf offene Fragen hin: In welcher Welt werden wir uns nach der weltweit verordneten Kontaktsperre wiederfinden? Woran wollen wir dann wieder anknüpfen und was wollen wir dann einfach so nicht mehr fortsetzen?