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Mönchengladbach: Keine Chance für die toten Dichter

Mönchengladbach : Keine Chance für die toten Dichter

Im Projekt 42 traten Slammer gegen lebendig vorgetragene Lyriker-Legenden an.

Im September wird Gladbach zum Mittelpunkt der NRW-Poetry-Slam-Szene. Dann kommen die landesweit Besten dieser Kunstform und messen sich im modernen Dichterwettstreit: MG statt Wartburg sozusagen. Auf dem Weg dorthin haben sich die Gladbacher Slammer Jonas Jahn und Markim Pause einiges einfallen lassen, um zu zeigen, wie vielfältig diese Kunstform ist. Im Projekt 42 an der Waldhausener Straße traten jetzt lebende gegen tote Dichter an. Um es vorwegzunehmen: Die Lebenden gewannen klar.

Beim Poetry Slam gibt es nur wenige Regeln, und eine davon wurde auch noch außer Kraft gesetzt: Die antretenden Dichter müssen eigene Texte vortragen, sie müssen in sechs Minuten vorgetragen werden, und die Vortragenden dürfen sich nicht verkleiden. Die erste Regel konnte beim "Dead-or-Alive-Slam" jedoch nicht eingehalten werden, denn es ging darum, die Texte der lebenden gegen die Texte der toten Dichter zu setzen. Die drei toten Poeten wurden von Gladbacher Stadtprominenz repräsentiert: Thomas Hoeps, Leiter des Kulturbüros und Krimiautor, las Texte des rebellischen Underground-Lyrikers der 1960er Jahre Rolf Dieter Brinkmann, worauf das Publikum eher mit Verblüffung reagierte. Auch die Wahl des Thriller-Autors Carsten Steenbergen war ungewöhnlich, aber spannend: Er trug Teile der isländischen Edda-Saga vor, garniert mit persönlichen Kommentaren. Stadionsprecher Torsten "Knippi" Knippertz schließlich präsentierte eine verwegene Mischung aus einem Punkgedicht und einer Fußballversion von Hamlets berühmtem Monolog, bei dem die reizende Ophelia zur reizenden Borussia wurde.

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Trotz der fantasievollen Bemühungen, mit denen die toten Dichter zum Vortrag gebracht wurden, lagen die lebenden Poeten in der Gunst des Publikums klar vorn. Leonie Warnke aus Leipzig räumte für ihre feministische Variante von Grimms Märchen mehrfach die Traumnote 10 ab. Der Dortmunder Slammer Tobi Katze begeisterte mit Einblicken in moderne Beziehungen ("Wir sollten gute Laune oder Salat mitbringen — wir entschieden uns für Salat"). Sieger des Abends wurde der Kölner Quichotte, der nicht nur ironische Einblicke in seine Jugend im Oberbergischen gab, sondern die Jury mit dem nachdenklichen Gedicht "Der Soldat" zu Höchstnoten hinriss. Während sich zum Schluss alle Teilnehmer den Siegerpreis — eine riesige Flasche Altbier — teilten, präsentierte Quichotte mit einer Zugabe die ganze Bandbreite seiner Sprachakrobatik.

(arie)