Mönchengladbach: Karpfen, Karten und Kartoffelsalat

Mönchengladbach: Karpfen, Karten und Kartoffelsalat

Die 91-jährige Erika Spinnen ist eine Überlebenskünstlerin. Dem Tod konnte sie schon mehrmals entgehen.

Eine Katze hat sieben Leben. Erika Spinnen vielleicht auch. Dem Tod ist die 91-Jährige schon ganze fünfmal entgangen, wie sie sagt. Zum ersten Mal bereits am Tag ihrer Geburt, dem 23. Juli 1926. Das neugeborene Mädchen wird von den Düsseldorfer Ärzten aufgegeben. Seine Mutter jedoch hat Hoffnung. Sie glaubt fest an ihr Mädchen, päppelt es, hält es am Leben. Das lebensrettende Wundermittel ist abgekochtes Reiswasser.

Erika Spinnen denkt immer gern an ihre glückliche Kindheit zurück: "Ich hatte eine wunderbare Familie. Wir haben viele Ausflüge unternommen, waren oft im Wald spazieren, oder auch zum Zelten am Rhein. Meine Mutter hat uns immer hausgemachten Kartoffelsalat mit Würstchen vorbeigebracht."

Als Erika Spinnen zweieinhalb Jahre alt ist, hätte ein Zeltausflug am Nonnenwerther Rhein erneut fast ihr Ende sein können. Beim Waschen des Kindes verliert die Mutter das Gleichgewicht, stürzt, das Kleinkind wird ihr entrissenen und gerät in einen Strudel. Die Familie kann sich glücklich schätzen. Ein gelernter Lebensretter ist vor Ort und gewinnt den Kampf gegen die Strömung. Erika Spinnen entkommt dem Tod ein zweites Mal.

Bis 1943 bleibt die Familie in Düsseldorf. Dann erreicht der Krieg auch ihre Heimat. Bomben setzten alles in Brand. Die damals 17-Jährige erinnert sich an die Worte ihres Vaters: "Was wir verloren haben, das ist alles irdischer Plunder. Wahres Glück, ja ein Wunder wäre es, wenn all unsere Liebsten unversehrt aus dem Krieg zurückkehren."

Die Familie flieht nach Nordhausen. Erika Spinnens Bruder dient dort in einer alten Schule als Bordfunker. Sie glauben sicher zu sein. Wenig später werden auch das Schulgebäude und die Stadt von den Alliierten bombardiert, da diese Widerstand befürchteten. Fälschlicherweise, denn das Schulgebäude wurde in ein Konzentrationslager umfunktioniert. Alles ist dem Erdboden gleich. Unzählige unschuldige KZ-Gefangene müssen sterben.

Auch der Felsenkeller, in dem Erika Spinnen und ihre Mutter sich üblicherweise verstecken, ist vollkommen zerstört. Eine Luftmiene schlägt ein, zerreißt die Lungen der Insassen. Alle sind tot. Viele Leichen werden aus dem Keller hinausgetragen. Das Schicksal meint es auch hier gut mit Erika Spinnen. Schon wieder fängt der Tod sie nicht. Erika Spinnen und ihre Mutter fanden Schutz an einem anderen Ort.

Viele grausame Bilder des Krieges haben sich im Kopf der 91-Jährigen festgebrannt. "Ich musste den Friedhof überqueren, um meine Lebensmittelkarte einlösen zu können. Brot gab es nur im nächsten Dorf. Niemals werde ich vergessen können, wie Juden dort ihre eigenen Gräber ausschaufelten. Neben ihnen stehen Soldaten mit ihren Maschinengewehren, sicherlich keine Scharfschützen. Die Schüsse trafen die Juden überall. Arme, Beine, Bauch, wenn sie Glück hatten ins Herz. Ihre Körper wurden begraben, tot und lebendig." Wer ein Brot haben wollte, musste außerdem einen Blumenstrauß auftreiben. Geklaut von den Gräbern, als "Dankeschön" an die Soldaten.

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Nach dem Krieg kehrt die Familie zurück. Erst nach Flingern, dann nach Rheydt. Hier lernt Erika Spinnen ihren Ehemann Georg Spinnen kennen. "Irgendwann brachten meine Brüder ihren Freund Georg vom Fußballtraining mit. Wir haben dann gelegentlich Tischtennis zusammen gespielt. Das Verliebtsein hat sich dann so langsam ergeben. Georg war auch ein toller Tanzpartner. Am Liebsten tanz ich schnell: Rock 'n' Roll zu Elvis Presley." Erika und Georg Spinnen heiraten 1953. "Was waren das schöne Zeiten damals. Gemeinsam haben wir mal einen 20 Pfund schweren Hecht, und einen zwölf Pfund schweren Karpfen aus einem Baggerloch gezogen."

Ihr Georg ist linker Verteidiger beim Rheydter Spielverein, spielt ganz oben mit. Sorglose Jahre folgen. Erika Spinnen begleitet ihn: Auf der Ehrentribüne und zu den Auswärtsspielen in ferne Städte. Sechs Jahre lang genießt sie das gute Essen auf der Tribüne und die nette Gesellschaft ihrer Frauengruppe. Doch auch die schönsten Zeiten gehen irgendwann zu Ende. Denn professioneller Fußballspieler, das war damals nur ein Nebenjob. Ihrem Mann zuliebe gibt die gelernte Kontoristin ihren Job auf. Ein Restaurant soll Georg Spinnens Selbstverwirklichung sein. "Georg war eine Rampensau. Er wollte das unbedingt. Wenn ich jetzt nein sag, dachte ich mir, dann wird er es mir ein Leben lang vorhalten. Ein zweites Mal würde ich mich definitiv nicht dazu entscheiden." Fortan arbeitet sie in der Küche und hinter der Theke, kocht und spült bis spät nach Mitternacht.

1956 kommt ihre Tochter zur Welt. Das Kind im Restaurant großzuziehen, fällt der Familie nicht leicht. Erika Spinnen wünscht sich ein zweites Kind. Als sie schwanger ist, wagt sie einen Blick in die Karten. Diese prophezeien einen Todesfall. Wenig später passiert es: Frühgeburt. Nach nur zwei Tagen stirbt das Sechs-Monats-Frühchen.

Als der Restaurantbetrieb aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich ist, eröffnet das Ehepaar einen Kiosk. Bis eines abends die Polizei bei Erika Spinnen an der Haustür klingelt. Ihr 62-Jähriger Mann ist vor dem Kiosk zusammengebrochen und liegt im Koma. 16 Tage später verstirbt er. Dass seine Frau den Laden nicht alleine weiterbetreiben kann, ist Georg Spinnen bewusst. "Georg hat seine Augen erst geschlossen, als alle Übergabeabwicklungen für den Kiosk erledigt waren. Er hat das gespürt", sagt sie. "Er wollte, dass es mir gut geht. So konnte er in Frieden sterben."

2013 lässt Erika Spinnen mit einem unguten Gefühl ihre Blutwerte in einem Krankenhaus testen: starker Kaliummangel. Nur einen Tag später - es hätte wieder ihr Tod sein können. Die Behandlung im Krankenhaus beschreibt sie als fahrlässig, sie fällt dort aus dem Bett. Ein Schlaganfall. Erika Spinnen entkommt dem Tod ein fünftes Mal.

Im Krankenhaus muss Erika Spinnen einige Zeit überlegen, bis ihr die eigene Heimatadresse wieder einfällt. "Irgendwas mit Baum, das wusste ich noch." Espenstraße, erinnert sie sich einige Zeit später. Folglich hat Erika Spinnen Bedenken weiterhin alleine zu wohnen. "Was wäre, wenn ich mich auf dem Rückweg vom Einkaufen plötzlich nicht mehr an meine Wohnadresse erinnere?" Sie entschließt sich selbst dazu, in ein betreutes Wohnen zu ziehen. Für ein halbes Jahr muss sie ein Zweibettzimmer beziehen. "Das war schrecklich. Ich hatte gar kein Privatleben mehr." Den Umzug ins Einzelzimmer vom Caritaszentrum Rheydt beschreibt Erika Spinnen als große Erlösung: "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Endlich wieder Ruhe."

(RP)