Veedelszoch in Gladbach 2018 - so jeck sind die Narren

Mönchengladbach: So jeck sind die Veedel - Teil 1

Das Wetter meinte es nicht besonders gut mit den Narren. Aber in sieben Stadtteilen wurde trotzdem unverdrossen gefeiert.

Nele sucht ihr Marienkäferkostüm. Ihr Kumpel, Nico der Pirat, kriegt noch schnell 'ne frische Pampers, Jonas lädt schon mal seine Knarre durch, die Löwenfamilie steckt die Arme in die Ärmel, dann zieht Anne, die extra scharfe Senftube von Thomy, die Haustür auf. Die bunt kostümierte Truppe tauscht den warmen Wintergarten mit dem kalten Trottoir. "Es geht los", ruft Nico, und schon nähert sich der Lautsprecherwagen "D´r Zoch kütt" von der KG Potz op. Und pünktlich zum Start von Gladbachs größtem Veedelszoch geht eine Hagel- und Regenschauer auf die Jecken nieder. Wie sollte es auch anders sein - genau so lange, bis der närrische Lindwurm vorbeigezogen ist.

Foto: Reichartz Hans-Peter

"So schlimm war es noch nie", meint Sternchen Sandra mit Blick gen Himmel und flüchtet mit Pin- guin Tim in den Hauseingang. Sie kommt mit ihrem Mann Markus seit sieben Jahren zu den Flaams, um sich mit ihren Freunden auf den Rheindahlener Internationalen Kinderkarnevalszug einzustim-men. Sandra Vogt stammt aus Crailsheim. Das ist da, wo man zu Karneval Fasching sagt. "Bei uns daheim gibt es keinen Straßenkarneval. Und auf den Partys kann man nie sicher sein, ob überhaupt jemand verkleidet ist." Am Rheindahlener Zug schätzt sie, "dass er, anders als in der Stadt am Dienstag, so familiär ist." Das finden auch die anderen. Und freuen sich, so sagt Markus Meier, "dass auch unser Kinderarzt Alfred Opitz mitzieht." Es ist mehr als nass und ziemlich usselig. Einzig Lutz Scheulen scheint alles richtig gemacht zu haben. Denn er steckt in einem Neoprenanzug. Wenn er schunkelt, dann gehe es auch mit der Kälte, meint er und trinkt an seinem Bier. Er muss ein ziemliches Gottvertrauen in seine Blase haben: "Wenn ich zur Toilette muss, bin ich locker eine halbe Stunde weg. Aus dem Ding rauszukommen, ist wie Zwiebelschälen." Nickt und nippt erneut. Zehn Motto- und Motivwagen, diverse Fußgruppen, und fünf Musikkapellen hat die Potz op aufgeboten. Renate Pohlen von der KG schätzt, dass rund 800 Teilnehmer mitziehen, darunter Super Marios, Elefanten, sehr hübsch anzusehende Windvögel, aber auch Gärtner, ein Supermann oder auch Nicos Verbündete: Piraten. Sie haben ihren Wagen denn auch Santa Genhülsia II getauft. Marcel Flaam, auf dem Kopf einen Hot Dog, kommt ins Schwärmen: "Ich würde glatt einen eigenen Wagen bauen, aber von den Jungs will ja keiner." Er genießt, dass der Zug direkt vor seinem Haus zieht: "Das wussten wir nicht, als wir damals beim Umbauen waren. Eines Sonntags stand dann die Straße voller Marienkäfer. Ein schönes Bild."

In Venn trug frau Kartoffelsack. Foto: Isabella Raupold

Als das Prinzenpaar Guido II. und Niersia Verena den Wagen der KG Ruet-Wiss Okerke besteigt, um als Gast beim Odenkirchener Tulpensonntagszug mitzufahren, sieht noch alles gut aus. Doch kurze Zeit später werden die Tollitäten ordentlich nass. Es beginnt zu hageln, und auf dem Wagen wird es richtig zugig. Dieses Wetter mögen Karnevalisten überhaupt nicht. "Für uns ist das hier die Generalprobe für den Veilchendienstagszug. Da soll ja die Sonne scheinen", sagt der Prinz. Ein echtes Heimspiel ist der Zug für Dirk Weise, den Adjutanten des Prinzen. Auch das Kinderprinzenpaar Yannick II. und Annika I. gehört zu den rund 550 Teilnehmern des Tulpensonntagszuges, der gestern durch Odenkirchen zog. Die größte Gruppe bilden 120 Mitglieder der Spielvereinigung 05/07 Odenkirchen. Auch MKV-Vize Markus Hardenack fährt auf einem Wagen mit und freut sich, am Zugweg zwei Bekannte begrüßen zu können. Mikaela und Pascale Robinson sind extra für den Odenkirchener Veedelszoch aus Jasper in Kanada angereist. Karneval verbindet eben die Menschen. Und das international. Die Tanz-AG der Hauptschule Kirschhecke kommt als Windvögel. Mit diesem Kostüm werden sie auch morgen beim Zoch in Gladbach beeindrucken. Blaue Hasen ziehen mit Möhrensaft durch die Straßen, und der Käferclub kommt als Marienkäfer. Zum ersten Mal mit dabei ist ein Wagen der städtischen Kliniken. Das liegt an Horst Imdahl. Der Klinikchef ist nämlich der amtierende Burggraf von Odenkirchen. Das Glasverbot hielten die Jecken des Odenkirchener Veedelszochs ein.

Links: In Hardterbroich wurden echt starke Frauen gesichtet. Rechts: In Odenkirchen trotzten die Sonnen dem miesen Wetter. Foto: Ilgner, Reichartz

EICKEN Es ist 10.30 Uhr, als sich die Teilnehmer des neunten Eickener Veedelszochs am Kirmesplatz treffen. Rund 300 Teilnehmer machen sich auf den Weg durch den geselligen, bunten Stadtteil. Los geht es um 11.11 Uhr, doch die Stimmung auf der Straße kommt schon lange vorher auf. Große und kleine Piraten, Indianer, Prinzessinnen und Mäuse singen und schunkeln zu den Hits, die aus den Boxen dröhnen. Angeführt wird der Zug von der Funkengarde der KG Schöpp op. Ein besonderes Highlight für die Besucher ist die Fußgruppe des Eickener Altenheims. Bereits zum sechsten Mal ist sie dabei, diesmal unter dem Motto "De schönste Äppel hat et Altenheim Eeke, öffer d'r Wurm iss drinn". 20 Bewohner ziehen mit - wenn auch im Rollstuhl. "Für uns hat der Veedelszug die perfekte Länge", erklärt Iris Hainka, Leiterin der Einrichtung. "Viele unserer Bewohner können zwar noch laufen, aber im Rollstuhl ist es einfach angenehmer für sie." Ihre Kostüme sind in jedem Jahr anders. Für 2018 bastelten die Altenheimbewohner zusammen mit Ehrenamtlern 120 Raupen, die zu ihrem Motto passen. "Unsere Älteste im Zug ist 101 Jahre alt", sagt Heimleiterin Hainka. "Das Feiern hört im Alter ja schließlich nicht auf!".

Latzhosen in Giesenkirchen. Foto: Ilg

Auch Wolfgang Kinna, den Vorstand der Karnevalsgesellschaft 'Hau Ruck', beeindruckt das Engagement der karnevalistischen Senioren. Außerdem freut er sich über die zunehmende Begeisterung für den Eickener Veedelszug. "Den Eickener Karneval gibt es jetzt seit neun Jahren, und wir werden immer mehr. Mittlerweile haben wir 16 Gruppen. Auch die Anzahl der Besucher steigt von Jahr zu Jahr."

Schwellköppe in Eicken. Foto: Isa
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In ihrem Gesellschaftsnamen und ihrem Schlachtruf feiern die Mitglieder der KG Poether Pothäepel die Kartoffel. Da ist es nur normal, dass die Knolle auch gestern im Venner Veedelszoch nicht fehlen darf. Einige Damen der Gesellschaft tragen Kartoffelsäcke und Plastikkartoffeln um den Hals. Zugleiter Manfred Clasen freut sich, das Hardter Kinderprinzenpaar Marlon I. und Prinzessin Anna begrüßen zu können. Die Tollitäten der KG Spönnradsbeen ziehen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder im Venner Tulpensonntagszug mit. Dafür werde man sich revanchieren und im nächsten Jahr am Hardter Umzug teilnehmen, sagt Clasen. Die 1. Venner KG macht nicht nur mit ihrem Gesellschaftswagen mit, sondern auch mit ihrer Tanzgarde. Die Schützengruppe Duis zieht als schwarz-weiße Pantomimen mit und bildet die größte Gruppe unter den rund 400 Teilnehmern des Venner Veedelszochs. Die Kinder der Regenbogenschule kommen als Piraten und bei den "Jecke uut alle Ecke" trägt jeder ein anderes Kostüm.

Lustige Mäuse waren in Holt unterwegs. Foto: Isabella Raupold

GIESENKIRCHEN In Giesenkirchen steht der Tulpensonntag unter dem Motto "Immer zu zweit". Insgesamt 19 Gruppen können die Besucher in diesem Jahr bestaunen. Pünktlich um 14.11 Uhr ist es so weit - der Zoch geht los. Claudia Wenzel von den "Piraten - wild und frei" geht es im Karneval besonders darum, die ganz jungen und alten Menschen glücklich zu machen. "Für die Kinder haben wir Süßigkeiten mit, die wir ihnen zuwerfen. Aber wir haben auch Tulpen im Gepäck. Die bekommen die Anwohner des Altenheims." Seit sechs Jahren sind die nämlich ein Teil des Zochs in Giesenkirchen - und laufen dabei jedes Mal als letzte Gruppe ein. Wieso? "Das Beste kommt immer zum Schluss", scherzt Claudia Wenzel. "Da geht es um den Wiedererkennungswert. Wenn die Besucher uns Piraten sehen, wissen sie, dass sie sich auf unsere Süßigkeiten und Blumen freuen können." Die Piraten-Gruppe besteht aus Familienmitgliedern. Auch für Marco Steuermann und seine Gruppe "Family and Friends" ist die familiäre Atmosphäre wichtig. "Das Beste am Karneval in Giesenkirchen ist, dass man jeden kennt. Uns gibt es schon seit 15 Jahren, und wir versuchen, alles mit den kleinstmöglichen Mitteln zu organisieren, damit ein schöner Karneval für jeden erschwinglich ist." Svea Krebs ist Besucherin des Veedelszochs. Neben der Musik, die zum Schunkeln animiert, und den Spaß mit Freunden bedeutet der Giesenkirchener Karneval für sie vor allem Tradition. "Für mich gehört es einfach dazu, den Zug anzuschauen", sagt sie. "Das ist schon seit vielen Jahren so."

Josef Pürker ist extra aus der Schweiz angereist, um am Holter Veedelszoch teilzunehmen. "Bei uns zu Hause ist der Zug schon letzte Woche gezogen. Nächste Woche mache ich bei der Baseler Fastnacht mit", erzählt er. Bärbel Ratzeburg-Clasen kam extra aus Hamburg. Beide gehörten in Holt zur Fußgruppe "De hatte Kern", die rund 70 Jecken stark ist. Verkleidet sind sie als Nimm2-Bonbons. Das passt zum Motto. Die Gruppe macht seit 20 Jahren mit. Ihr erstes Kostüm waren damals ebenfalls Bonbons. Rund 500 Teilnehmer sind es, die gestern Morgen durch den Stadtteil ziehen. Die Blauen Offiziere Engelsholt und ihre Freunde machen als Ernie und Bert mit. "Die beiden sind ja auch immer zu zweit und Freunde fürs Leben", erklärt Henning Hußmann das Kostüm. Kreativ setzt der Turnverein Holt das Sessionsmotto um. Die 16 Mitglieder große Gruppe geht als Ketchup und Mayonnaise. "Bei unseren Ausflügen essen wir gerne Pommes. Ketchup und Mayonnaise gehören da einfach dazu", sagt Susanne Meurer. Die KG Immer lustig, die den Holter Veedelszoch organisiert, hat ihren Gesellschaftswagen neu gestaltet. Er wirbt mit Bildern der Sitzungen für die Veranstaltungen der Gesellschaft. Vorne auf dem Wagen ist allerdings Donald Trump als Drache zu sehen. Nach dem Veedelszoch feiern die Holter im Festzelt, das 2500 Personen fasst, weiter. Wegen der Ausschreitungen vergangener Jahre waren die Sicherheitsmaßnahmen besonders hoch. "Alleine dafür geben wir rund 15.000 Euro aus", sagt Günter Claßen, der Vorsitzende der KG Immer lustig Holt.

HARDTERBROICH Nachdem man sich beim Biwak ordentlich aufgewärmt hat, geht es am Karnevalssonntag pünktlich um 14.11 Uhr los für den Hardterbroicher Veedelszoch. Trotz des Regens lassen die Zuschauer sich ihre gute Laune nicht nehmen, und so wird der Regenschirm gerne mal anders herum gehalten und zum Fänger für Süßigkeiten umfunktioniert. Oder aber: Das Feiern wird einfach in Garagen und Hauseingänge verlegt. In neongelben und froschgrünen Kostümen trotzen die Hardterbroicher dem grauen Wetter. Mit von der Partie sind natürlich die KG Alles onger ene Hoot und Kinderprinzessin Lena aus Hardterbroich, aber auch das Kinderprinzenpaar der KG Halt Uut Pesch und die Kindertagesstätte St. Bonifatius. Egal ob als Prinzessin, Hexe oder Pirat verkleidet, von allen Seiten wird kräftig "Halt Pohl" gerufen, und Kamelle und Konfetti fliegen reichlich durch die Luft. Dass der Zug nur sehr kurz ist, macht seinen Besucher nichts. Entweder sie laufen neben dem Zug her oder positionieren sich an einer neuen Ecke, um ihn noch einmal zu sehen. Die fünfjährige Anna freut sich: "Meine Tüte ist schon randvoll mit Süßigkeiten." Wie die meisten Besucher kommt Anna jedes Jahr mit ihrer Familie, um sich den Zug anzusehen. Viele Leute mögen die gemütliche Atmosphäre, jeder kennt jeden, und nach dem Zug wird einfach weiter gefeiert. Im Programm der KG Alles onger ene Hoot geht es nach dem Zug auch schon direkt weiter mit einer Kinderparty im Pfarrheim. Insgesamt sind sich die meisten Besucher einig: Der Hardterbroicher Zug ist zwar kurz, aber schön.

(RP)