Mönchengladbach: Kämpfer für soziale Gerechtigkeit

Mönchengladbach : Kämpfer für soziale Gerechtigkeit

Hartmut Wellssow hat immer versucht, sich einzumischen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist er in der Gewerkschaft, und er war 25 Jahre DGB-Kreisvorsitzender. Er war nie einfach, aber immer geradeaus. Auch wenn es nicht zu seinem Vorteil war.

Er selbst nennt sich "Dickkopf". Der eine oder andere mag ihn als Querkopf empfunden haben. Weil er sich nicht nach dem Mainstream, dem Opportunistischen richtet. Sondern immer ganz geradeaus seine Überzeugung vertritt, unbeirrbar seinen Weg marschiert, auch wenn es nicht zu seinem Vorteil sein mag. Ein Dickkopf halt, aber aus Überzeugung. "Ich war nie so einfach, auch nicht in der Gewerkschaft", sagt Hartmut Wellssow.

35 Jahre hat er hauptamtlich für den DGB gearbeitet, ist seit mehr als einem halben Jahrhundert in der IG Metall und 50 Jahre in der SPD. Obwohl er durchaus mal an ihr gezweifelt hat. "Unter Bundeskanzler Gerhard Schröder war es für mich schwierig, in dieser Partei zu bleiben", gesteht der heute 67-jährige frühere Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. "Bei den meisten ist es ja anders. Doch je älter ich werde, desto linker werde ich, kämpfe gegen soziale Ungerechtigkeit. Und wenn es gegen Faschismus und Krieg geht, dann gehe ich immer noch jederzeit auf die Straße."

Schon sehr früh hat Hartmut Wellssow, dessen Vater im Krieg gefallen ist, gelernt, sich gegen Widrigkeiten und Widerstände durchzusetzen. "Als wir 1946 aus Pommern vertrieben worden waren und in Neuss-Uedesheim zu dritt in einem Zimmer wohnten, war es für meine Mutter, meine Oma und mich als evangelische Familie im katholischen Rheinland nicht einfach. Auch wenn wir mit der katholischen Familie, bei der wir einquartiert worden waren, wirklich Glück hatten. Aber für fast alle anderen waren wir die Pollacken."

Da gibt es Erlebnisse, die heute noch tief sitzen. Wie das mit dem katholischen Pfarrer, der die Zimmertür öffnete, herein sah, fragte "Sind Sie Flüchtlinge?", dann auf die Antwort "Ja" die Tür schloss und grußlos verschwand. "Damals haben wir als Vertriebene das Gleiche zu spüren bekommen, was heute in unserer Gesellschaft die Migranten erleben", sagt Hartmut Wellssow.

Dass er nicht aufs Gymnasium und nicht studieren durfte, weil seine Mutter als Kriegerwitwe das Schulgeld einfach nicht aufbringen konnte, er 15 Jahre am Schraubstock gestanden und trotzdem seinen Weg gemacht hat, das macht ihn stolz: "Was die Arbeitswelt und der Umgang mit Kollegen mir beigebracht haben, das sind Werte, die manchmal wichtiger sind als theoretische Dinge, die man auf der Universität erfährt." Wenn Akademiker nicht glauben wollen, dass ihr Gesprächspartner nur acht Jahre auf der Volksschule war, bestätigt ihn dies: "Doch ich habe mich ja auch bei vielen Seminaren der Gewerkschaft weiterbilden können."

In die IG Metall ist er schon 1959 mit 15 Jahren kurz nach Beginn seiner Ausbildung zum Betriebsschlosser in Neuss eingetreten. Er wurde in die Jugendvertretung gewählt, dann in den Betriebsrat. Die Gewerkschaft wurde auf den engagierten jungen Mann aufmerksam. 1970 holte ihn der DGB in Mönchengladbach als Organisationssekretär. Neun Jahre später wurde Hartmut Wellssow einstimmig als Nachfolger Hermann Ruthkötters zum Kreisvorsitzenden gewählt. Das blieb er bei mehreren Strukturreformen und Vergrößerungen des Kreises hin zu einer großen DGB-Region mit Düsseldorf, Krefeld, Neuss und dem Kreis Viersen bis zu seinem Ausscheiden am 31. Dezember 2005.

"Ich war nicht einfach und auch nicht bequem für viele in der Gewerkschaft", sagt Hartmut Wellssow. "Denn ich habe schon mal gegen den Stachel gelöckt. Und das ist mir nicht immer gut bekommen." Denn so links wie der Kreisvorsitzende waren die wenigsten im DGB. Und auch in der SPD. "Ich habe immer versucht, nicht nur meinen Beitrag zu zahlen, sondern mich auch einzumischen. Was in der Partei schwieriger war als in der Gewerkschaft."

Die SPD hat mal versucht, ihn als Kandidaten für den Stadtrat zu gewinnen — und sich eine Abfuhr geholt. "Ich habe gesehen, dass ich in der Politik mal zu einer Mehrheit gehören könnte, die ich als Gewerkschafter attackieren müsste. Und das wollte ich nicht, denn da ginge mir Kraft verloren." So hat Hartmut Wellssow nur eine Legislaturperiode in der Bezirksvertretung gesessen. Und sich lieber in Dingen engagiert, die ihm wirklich am Herzen liegen: in der Friedensbewegung, im Bündnis für Menschenwürde und Arbeit, als Vorsitzender der Arbeitsmarktkonferenz Mönchengladbach, als Mitglied im Volksverein und in der Armutskonferenz.

"Die Arbeitsmarktpolitik ist heute keine Sozialpolitik mehr, weil wir immer mehr menschenunwürdige Arbeitsbedingungen haben", formuliert Hartmut Wellssow, wissend, dass er mit dieser Position in seiner Partei wie der Gewerkschaft auch auf Widerspruch trifft. Er ist eben nie einfach oder bequem gewesen, will es auch jetzt nicht sein: "Ehrlichkeit und Menschlichkeit werden in der Politik und in der Gesellschaft zu oft vermisst."

Langeweile kennt Wellssow auch als Ruheständler nicht. Er arbeit im Garten seines Einfamilienhauses in Neuwerk, verfolgt das politische Geschehen sehr genau, engagiert sich immer noch im Bündnis für Menschenwürde und Arbeit, hört Musik ("Am liebsten Klassik und Jazz"), liest die Bücher, für die er früher keine Zeit hatte, fotografiert, filmt und bearbeitet unendliche Meter Filmmaterial noch aus seinen jungen Jahren, kümmert sich als Vormund um einen Onkel in Duisburg. Und hat viel Freude an seinen beiden Enkeln, zwei und vier Jahre alt. Ein zufriedener Rentner — der aber immer noch aus der Haut fahren kann, wenn er etwas sieht oder liest, das ihm nicht passt.

(RP)
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