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Im Gespräch mit Susanne Wallrafen: "Jeder ältere Mensch hat sein persönliches Navi"

Im Gespräch mit Susanne Wallrafen : "Jeder ältere Mensch hat sein persönliches Navi"

Susanne Wallrafen, Projektleiterin Urban Life + bei der Sozial-Holding, spricht über Lan-Kabel im Altenheim, Ampelphasen für Senioren und Selbstbestimmung im Alter.

Frau Wallrafen, Sie sind ja noch jung. Aber machen Sie sich als Projektleiterin von Urban Life + schon Gedanken darüber, wie Sie im Alter leben möchten?

Wallrafen Natürlich. Das hängt aber weniger mit dem Projekt Urban Life + zusammen als mit meinem Beruf. Ich arbeite im Altenpflegebereich, da mache ich mir selbstverständlich Gedanken übers Älterwerden.

Und wie möchten Sie alt werden?

Wallrafen Ich möchte so lange wie möglich gesund und selbstbestimmt leben, aktiv sein, mich gesellschaftlich engagieren und reisen. Eigentlich genau das, was jeder möchte.

Selbstbestimmtes Leben im Alter steht im Zentrum von Urban Life +, dem Projekt, das Sie leiten. Wie erklären Sie heute 70-Jährigen, was sich dahinter verbirgt?

Wallrafen Das Forschungsprojekt möchte Senioren durch den Einsatz neuer Technologien den Alltag erleichtern, und zwar außerhalb der eigenen vier Wände. Es geht um selbstbestimmte Teilhabe und Mobilität im öffentlichen Raum, die durch smarte Technologien gefördert werden sollen. Dabei sollen die Senioren die Technologien nicht selbst anwenden müssen, sondern die Dinge reagieren automatisch. Beispielsweise indem eine Ampel ihre Phase verlängert, wenn ältere Menschen die Straße überqueren. Es ist zwar heute so, dass man sich vieles nach Hause liefern lassen kann, aber dadurch vereinsamen die Menschen. Sie sollen sich leichter draußen bewegen können.

Der demografische Wandel ist in aller Munde. Wie macht er sich in Mönchengladbach bemerkbar?

Wallrafen Schon heute sind 21,5 Prozent der Gladbacher über 65 Jahre alt. Bis 2040 wird sich der Anteil auf 28,8 Prozent erhöhen.

Werden die Menschen heute anders alt als früher?

Wallrafen Sie haben heute sicher einen anderen Anspruch. Sie wollen die Möglichkeiten, die sie im mittleren Alter erkundet haben wie Reisen oder Tango tanzen, fortsetzen. Sie wollen sich engagieren, wobei jeder seinen eigenen Weg finden will. Die Interessen der Senioren sind sehr vielfältig.

Zurück zu Urban Life+. Wie funktioniert das Projekt in Mönchengladbach? Welche Partner gibt es und warum haben Sie sich die beiden Stadtteile Hardterbroich-Pesch und Rheindahlen ausgesucht?

Wallrafen Es ist ein Forschungsprojekt, in dem sich Wissenschaft und Praxis verbinden. Die wissenschaftlichen Partner sind die Universitäten Hohenheim und Leipzig sowie die Universität der Bundeswehr in München und der Stadtentwickler Drees & Sommer. Wir als Sozial-Holding bringen den praktischen Input ein. Wir verstehen uns als Mittler, als Experten für die Wünsche und Ansprüche der alten Menschen. Hardterbroich-Pesch und Rheindahlen wurden wegen der unterschiedlichen Strukturen ausgewählt: Rheindahlen ist dörflich-ländlich geprägt, Hardterbroich-Pesch eher städtisch. Außerdem wurde hier das neue Altenheim geplant, da konnten wir bestimmte Dinge wie LAN-Kabel gleich baulich berücksichtigen.

LAN-Kabel im Altenheim?

Wallrafen Ja, wir wollen ja möglichst auch Prototypen erproben. Unser Ziel ist es, das Forschungsprojekt wirklich greifbar zu machen. Im Altenheim ist bereits ein Info-Strahler aufgestellt, ein großer Touchscreen, der Informationen zum Quartier für unsere Bewohner bereitstellt. Es sollen Profile der Bewohner hinterlegt werden, so dass jeder für ihn oder sie relevante Informationen bekommt. Genauso wollen wir in diesem geschützten Raum auch möglichst die Parkbank, die sich in der Höhe an den Nutzer anpasst, erproben. Oder die Lampe, die die Beleuchtung an die Bedürfnisse und Sehstärke der Bewohner anpasst,

Die beiden Stadtteile wurden analysiert, vermessen und befragt. Welche Ergebnisse liegen vor?

Wallrafen Es wurden sechstausend Fragebögen mit aktiver Unterstützung der beiden Bezirksvorsteher und Bezirksverwaltungsstellen verteilt, davon kamen 22 Prozent zurück. Geantwortet haben im Allgemeinen eher die relativ Fitten und Aktiven. Vierzig Prozent von ihnen nutzen täglich moderne Technologien, vierzig Prozent nutzen sie gar nicht. Je älter die Befragten waren, desto geringer war die Nutzung von Smartphones oder PCs. Die Zielgruppe ist also gespalten. Aber marktreife Produkte für das Stadtmobiliar sind auch erst ab 2022 zu erwarten.

Mönchengladbach ist Modellstadt für das ganze Bundesgebiet. Was für Veränderungen wird es in Gladbach geben? Und wie können sie übertragen werden?

Wallrafen Am Ende wird es einen Leitfaden geben mit Planungsempfehlungen und Hinweisen, was bei Mensch-Technik-Interaktionslösungen zu beachten ist. In Gladbach gibt es Umsetzungspartner wie beispielsweise die NEW und die Städtischen Klinken. Die Stadt ist auch mit im Boot, aber nur als assoziierter Partner. Da hätten wir uns schon eine konkrete Projektteilnahme mit den entsprechenden Verpflichtungen gewünscht.

Wäre es nicht sinnvoll für die Stadt, sich rechtzeitig auf die alternde Gesellschaft einzustellen und diese bei allen Planungen zu berücksichtigen? Zum Beispiel bei den jetzigen Planungen für das Maria-Hilf-Gelände?

Wallrafen Das wäre sicherlich ratsam für jede Kommune. Wir werden alle älter, das ist ein unausweichlicher Prozess. Warum also nicht die Erkenntnisse nutzen und bei Straßenbauarbeiten gleich Kabel legen? Außerdem könnte man auch Geld sparen. Wenn eine App auf Hindernisse hinweist, muss man nicht sofort baulich verändern.

Lassen Sie uns über konkrete Beispiele sprechen: Ampelschaltungen, Barrierefreiheit, Bänke. Was ist den älteren Menschen wichtig?

Wallrafen Eindeutig Bänke. Bänke, die möglichst Armlehnen haben und nicht zu niedrig sind. Auch über die Ampelphasen wird nachgedacht. Es gibt die Möglichkeit, die Ampeln mit Modulen auszustatten, die die Gehgeschwindigkeiten erfassen und die Fußgängerphase entsprechend verlängern. Auf Dauer wäre es natürlich interessanter, Daten auf einer Kundenkarte wie dem Bärenticket zu speichern. Dann erhält die Ampel automatisch die Information und verlängert die Phase.

Das klingt toll, andererseits kann das datenschutzrechtlich schwierig sein.

Wallrafen Der Datenschutz wird berücksichtigt. Wir haben externe Experten, die darauf achten, dass die Daten seriös behandelt und unter Beachtung ethischer Aspekte verarbeitet werden.

Gibt es noch weitere konkrete Ideen?

Wallrafen Ja, wir denken beispielsweise darüber nach, ein E-Scooter-Sharing zunächst einmal am Altenheim Hardterbroich anzudocken. Dann könnten sich ältere Leute für den Weg in die Innenstadt einen E-Scooter ausleihen.

Das ist ja schon ein Blick in die Zukunft. Was noch? Wie sieht Mönchengladbach in zehn Jahren aus, wenn es das Ideal von Urban Life + konsequent umsetzt?

Wallrafen Idealerweise ist dann eine barrierefreie Bewegung im Stadtraum möglich. Jeder hat sein persönliches Navi dabei, das ihn ans Ziel führt und auch auf bestimmte Aktivitäten und Möglichkeiten hinweist, so dass das Leben im Alter aktiv und selbstbestimmt bleibt. Allerdings bei aller Begeisterung für diese Möglichkeiten: die Künstliche Intelligenz braucht auch einen Ausschalter. Und projizierte Blumen sollten keine echten ersetzen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN DENISA RICHTERS, DIETER WEBER UND ANGELA RIETDORF

(RP)