Serie Denkanstoss: Jahreslosung auf Wiedervorlage

Serie Denkanstoss : Jahreslosung auf Wiedervorlage

"Nehmet einander an, wie Christus Euch angenommen hat!", lautet die Losung für 2015. Die Autorin hat sich vorgenommen, das wörtlich zu nehmen. Und lädt jetzt sogar Oma Meier zum Essen ein.

Jahreslosungen sind speziell. Sie sollen uns das ganze Jahr über begleiten. Wir sollen immer mal wieder darüber nachdenken - sie sind sozusagen ein Leuchtturm, der Richtung gibt übers Jahr. Eine Jahreslosung liegt quasi auf Wiedervorlage. Es ist deshalb gar nicht richtig, wenn Ende Januar anscheinend schon alles gesagt ist zum Thema Jahreslosung.

"Nehmet einander an, wie Christus Euch angenommen hat!", heißt die Jahreslosung in diesem Jahr. Klingt ja auf den ersten Blick ganz einfach. Also - wenn Sie mich fragen: Natürlich nehme ich alle Menschen an. Ich habe eigentlich mit niemandem wirklich Streit, ich kann auch Menschen, die anders sind als ich im Großen und Ganzen so lassen - nein, ich brauche die Losung nicht. Klar, es gibt da diese Kollegin, die ist irgendwie ein bisschen doof. Wenn ich deren Aufgaben hätte - ja dann....!

Und mein Nachbar: blöder Spießer. Ewig grillt der draußen, stinkt alles zu und hört Fußball. Könnte ja auch mal Mozart hören, so wie ich. Und die Kinder von nebenan. Vorlaut, aufsässig und ewig mit dem Handy beschäftigt. Und am Sonntag in der Kirche: da hat wieder eine Mitpresbyterin eine Lesung gemacht - wirklich, das kann ich echt besser. Und Oma Meier, die gegenüber wohnt: ewig erzählt sie mir von Ostpreußen - das interessiert doch heutzutage wirklich keinen mehr.

"Nehmet einander an!" Jesus hat das mit Bedacht gesagt. Denn es braucht gar keinen Riesenkrach, um fern voneinander zu sein. Es reicht schon, wenn gezischelt und gelästert wird. Es reicht, wenn ich den anderen dauernd mit gut gemeinten Worten darauf hinweise, dass er nicht so ist wie ich und wie viel besser er wäre, wenn er das mal ändern könnte. Es ist vollkommen ausreichend für Distanz und Ferne, wenn ich finde, dass ich gut bin und die anderen ein bisschen komisch.

Ich will das jetzt mal üben! Ich trainiere das Augenzwinkern. Ich kehre vor der eigenen Tür. Ich lade ein zum gemeinsamen Lachen und Prusten. Ich versuche zu lernen, ein Auge zuzudrücken. Ich frage mal nach. Ich nehme das Leben ernst, aber möglichst nicht mich selbst. Und seltsam: Plötzlich ist manches einfacher. Mein Nachbar hat ein Grillwürstchen über den Zaun gereicht, die Kinder sind laut, aber irgendwie finde ich das jetzt auch richtig, dass Kinder laut sind. Oma Meier habe ich nach ihrem Rezept für Königsberger Klopse gefragt. Nächste Woche sind wir zum Essen verabredet.

(RP)