Mönchengladbach: Jackson: Abschied mit Hexensabbat

Mönchengladbach : Jackson: Abschied mit Hexensabbat

Graham Jackson leitete sein letztes Sinfoniekonzert als Generalmusikdirektor mit den Niederrheinischen Sinfonikern im Theater-Konzertsaal. In Rheydt war das ein bewegendes Ereignis mit großer Beteiligung. Der letzte Durchgang der Konzertserie erfolgt heute Abend in Krefeld.

Als traurige Tage werden der 4. und 5. Juli in die Annalen des Kulturlebens der Stadt eingehen. Graham Jackson, neun Jahre Generalmusikdirektor des Theaters, leitet sein letztes Sinfoniekonzert als Chef der Niederrheinischen Sinfoniker. Doch in diesen Abschied von liebgewonnen Kollegen, einem Publikum, das den sympathischen Briten ins Herz geschlossen hat, in diesen Abschied nach guten, produktiven Jahren mischt sich große Sorge um den Gesundheitszustand des musikalischen Kopfes des Theaters.

Ernste Gesichter im Orchester

Indem Jackson ans Pult tritt, wird offenbar, welche Kraft, welchen Willen er aufbringen muss, diese letzte Konzertreihe seiner Krankheit abzutrotzen. Tiefer Ernst zeichnet die Gesichter der Orchestermusiker. Beklommenheit färbt die Stimmung im Konzertsaal. Noch einmal blitzen besondere Ereignisse der Ära Jackson im Gedächtnis auf, zu der neben außerordentlichen Konzerten mit dem zur Klangeinheit zusammenwachsenden Orchester auch Highlights im Musiktheater gehören, besonders im zeitgenössischen Repertoire.

Und es wird noch einmal die fragwürdige Situation wach, wie in der vorletzten Spielzeit die Politik Jacksons Vertrag nicht verlängerte und sich der Geschasste bereit erklärte, trotz Krankheit noch ein Übergangs-Jahr weiter zu machen. In wenigen Tagen also verlässt Jackson mit Frau und Kindern seine zur Heimat auf Zeit gewordene Stadt Mönchengladbach, geht zurück auf die Insel.

Nach der Ouvertüre (Carl Nielsen) ersetzt Kapellmeister Andreas Fellner den GMD bei Alban Bergs dramatischem Violinkonzert. Linus Roth an der Stradivari tappt nicht in die Falle, die zwölftönige Musik spätromantisch zu überwölben, sondern führt unprätentiös die immense Kraft der damaligen Moderne ins Feld. Fellner dirigiert sachdienlich — mit famosem Ergebnis.

Nach der Pause dirigiert Jackson wieder, verhalten, aber mit dem für ihn charakteristischen Impetus, die Musik vor allem zum Singen zu bringen: Hector Berlioz' "Symphonie fantastique", jener Künstlerroman in Tönen, mit dem der große französische Romantiker und virtuose Klangmaler das tragische Leben eines von einer weiblichen "Idée fixe" besessenen Mannes nachzeichnet. Wunderbare, das Herz rührende Musik voller Dramatik und Effekt. Hier bitten gleich zwei Harfen zum prächtigen Ball; bei Gelegenheit einer Landpartie windet sich die geheimnisvolle Melodie des Englischhorns um die Oboe, um schließlich in Zwiesprache mit den Pauken in ein Gewitter zu münden.

Am Schafott plumpst der Kopf des Delinquenten mit Hilfe von Pauken und Großer Trommel in den Auffangkorb. Und zum Finale wähnt sich der Künstler in einem turbulenten Hexensabbat, in dem das "Dies irae" gar gruselig herumgeistert. — Frenetischer, herzlich zugeneigter, stehend dargebotener Applaus belohnt den gerührten Jackson, der immer wieder Musikerhände schüttelt und sich bei seinem Publikum bedankt. Und da wird deutlich, wie viel Kraft ihm diese Zuneigung verleiht.

(ark)
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