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Interview mit Horst Imdahl: "Immer mehr Aggressionen in der Notaufnahme"

Interview mit Horst Imdahl : "Immer mehr Aggressionen in der Notaufnahme"

Der Geschäftsführer der Städtischen Kliniken zieht nach zehn Jahren Bilanz: Das Eli ist gut aufgestellt, in manchen Bereichen sinkt der Respekt.

Herr Imdahl, Sie haben 2008 als Verwaltungsdirektor die Städtischen Kliniken übernommen. Was hat Sie damals aus Düsseldorf nach Rheydt gezogen?

Horst Imdahl Ich bin gebürtiger Rheydter und es war ein Nach-Hause-Kommen. Ich wollte meine Karriere in meiner Heimatstadt beenden.

Wie haben Sie das Eli, das Elisabeth-Krankenhaus, vorgefunden?

Imdahl Es war wirtschaftlich stabil und die Stimmung der Mitarbeiter war sehr gut. Es war für mich ein einfacher Einstand, denn ich musste niemandem wehtun. Die Gebäude waren allerdings in keinem guten Zustand.

Welche Schwerpunkte haben Sie dann gesetzt?

Imdahl Als ich nach ein paar Wochen merkte, dass zwar Bauarbeiten im Gange waren, es aber gar keine Umzugspläne gab, sondern alles auf Zuruf passierte, habe ich Experten von außen geholt, Fachleute, die eine Stärken- und Schwächenanalyse vorgenommen haben. 2009 lag dann ein Fahrplan für Veränderungen vor und seitdem haben wir ihn abgearbeitet. Wichtige Punkte dabei waren die Erweiterung des Haupthauses, der Neubau der Geriatrie und der Mutter-Kind-Klinik und die Erweiterung der Kinderklinik.

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Was haben Sie dabei als Höhepunkt oder besondere Herausforderung empfunden?

Imdahl Nach dem Verkauf der Hardterwaldklinik hatten wir nur sieben Monate Zeit, um den Neubau für die Geriatrie fertigzustellen. Das war sicher eine Herausforderung für unser Haus.

Die Städtischen Kliniken haben in den vergangenen Jahren viel investiert. Was waren die wichtigsten Projekte?

Imdahl Wir haben insgesamt 75 Millionen Euro investiert, 25 Millionen davon waren Eigenmittel. Davon sind 35 Millionen in die Erweiterung des Haupthauses geflossen, 20 Millionen in die Mutter-Kind-Klinik und elf Millionen in die Geriatrie. Außerdem haben wir zum Beispiel ein Blockheizkraftwerk gebaut, damit sparen wir wirklich viel Geld. Wichtig sind die Projekte alle. Die Mutter-Kind-Klinik hat sich zur geburtenstärksten in ganz NRW entwickelt. Das ist wirklich etwas ganz Besonderes, denn wir sind ja hier in Mönchengladbach und nicht in Köln oder Düsseldorf. Auch die Geriatrie ist sehr wichtig, das ist keine leichte Arbeit, aber es werden Topleistungen erbracht.

Es gab zahlreiche Stimmen, das städtische Krankenhaus an einen privaten Betreiber zu verkaufen, so wie es viele Kommunen gemacht haben. Warum war es richtig, dass die Kliniken in Stadthand bleiben?

Imdahl Wenn man sich zum Beispiel in Düsseldorf umsieht, wo zum Teil privatisiert wurde, dann erkennt man, dass den privatisierten Kliniken oft Ärzte und Pflegepersonal weglaufen. Die Mitarbeiter leiden unter der Privatisierung. Sie müssen schließlich das Geld, das investiert wurde, erwirtschaften. Bei uns dagegen wird nach Tarif bezahlt. Wir setzen nicht auf Outsorcing. Wir behandeln die Mitarbeiter fair. Wenn wir schwarze Zahlen schreiben, bekommen die Mitarbeiter einen zusätzlichen Tag frei. Wir machen ihnen auch zusätzliche Angebote. Zum Beispiel haben wir einen Beratungsvertrag abgeschlossen, so dass unsere Mitarbeiter bei persönlichen Problemen oder psychischen Erkrankungen sehr schnell einen Termin bei einem Therapeuten bekommen. Das sind alles Angebote, die den Mitarbeitern zugutekommen und gute Fachkräfte ans Haus binden.

NRW-Gesundheitsminister Laumann will Versorgungsverbünde und drängt darauf, dass die Krankenhäuser die Behandlungsschwerpunkte unter sich aufteilen. Was sagen Sie dazu?

Imdahl Mit der Strategie hat er eigentlich recht. Hier am linken Niederrhein trifft es nicht zu, aber zum Beispiel in Essen gibt es im Umkreis von 30 bis 40 Kilometern 40 Kliniken. Da wäre es sinnvoll, sich abzusprechen, aber ich sehe kartellrechtliche Probleme. Außerdem bedeuten Verbünde immer Leistungsverschiebungen. Damit wird auch Geld verschoben und das bedeutet, dass es Gewinner und Verlierer gibt. Bei den Verlierern will aber keiner sein.

Wie sehen Sie die Situation in Mönchengladbach?

Imdahl Wir haben vier wirtschaftlich arbeitende Krankenhäuser, die alle schwarze Zahlen schreiben. Es gibt keine defizitären Einrichtungen. Für das Eli kann ich sagen, dass wir für Rheydt und das Hinterland praktisch ein Monopol haben.

Wie gut ist die Zusammenarbeit mit den anderen Krankenhäusern in der Stadt?

Imdahl Ich sitze regelmäßig mit den Geschäftsführern des Bethesda und des Krankenhauses Neuwerk zusammen. Das Maria Hilf hält sich da ein wenig zurück. Durch die Verlagerung des Krankenhauses aus der Mitte der Stadt nach außen hat es Verschiebungen gegeben, auch beim Umsatz. Für das Eli war die Entwicklung der letzten Jahre positiv: Wir hatten vor zehn Jahren einen Umsatz von knapp unter 60 Millionen Euro, heute sind es 105 Millionen. Wir beschäftigen auch 200 Mitarbeiter mehr als vor zehn Jahren. Jemand hat einmal gesagt, das Eli sei ein schlafender Riese gewesen. Inzwischen ist er aufgewacht.

Finden die Krankenhäuser heute noch genügend Personal - bei Ärzten und Pflegekräften?

Imdahl: Es gibt genügend Universitäten in der Region, und so können wir bei den Ärzten aus einem größeren Pool schöpfen. Gegenden wie die Lüneburger Heide oder der Bayrische Wald haben es da schwerer. Bei Pflegekräften ist es schwieriger. Wir haben eine Pflegeschule und übernehmen die Schüler gern nach der Ausbildung, aber nicht alle nehmen das Angebot an. Fachkräfte wie Intensiv- oder Anästhesieschwestern sind besonders schwer zu finden.

Über den Mangel an Pflegekräften wird überall geklagt. Was tun die Städtischen Kliniken, um den Bedarf in der Krankenpflege mittelfristig zu decken?

Imdahl Wir verfolgen verschiedene Ansätze. So bilden wir zum Beispiel Flüchtlinge in der Krankenpflege aus, die einen entsprechenden beruflichen Hintergrund mitbringen. Die Schülerinnen und Schüler kommen aus ganz NRW, und die meisten bleiben an ihren Heimatorten, aber wir können auch gute Kräfte für uns gewinnen. Bei den Hebammen wollen wir ein ähnliches Konzept entwickeln. Außerdem planen wir eine Imagekampagne in Mönchengladbach, bei der wir zeigen wollen, was wir unseren Mitarbeitern alles bieten.

Es gibt das leidige Problem, dass immer mehr Menschen die Notaufnahmen von Krankenhäusern aufsuchen, statt zum Hausarzt zu gehen. Wahrscheinlich in der Hoffnung, dass sie schneller drankommen. Sie haben das immer wieder beklagt. Was soll getan werden, um das zukünftig zu verhindern?

Imdahl Ab 1. Juli 2018 wird es bei uns die Notfallambulanz der Kassenärztlichen Vereinigung für Kinder und Jugendliche geben. Das wird in der Notaufnahme zu einer Entlastung führen. Es ändert am Problem bei den Erwachsenen nichts, aber hier müsste man einen ähnlichen Ansatz fahren. Es zeigt sich allerdings, dass die Notfallpraxis der Kassenärztlichen Vereinigung nicht in dem Maße angenommen wird, wie es sinnvoll wäre. Wir werden in unserer Notaufnahme mit einer Umstrukturierung reagieren, um die Wartezeiten zu verkürzen.

Verstärken Sie das Problem damit nicht? Wenn es schneller geht, kommen ja noch mehr Patienten.

Imdahl Wir können es nicht so laufen lassen. Mit den Wartezeiten steigen die Aggressionen. Das ist in der Notaufnahme ein Problem, aber auch in der Mutter-Kind-Klinik haben wir es teilweise mit Vätern zu tun, die sich nicht an die Regeln halten wollen. Wir beschäftigen deswegen einen Sicherheitsdienst, der im Notfall eingreifen kann. Das kostet uns einen sechsstelligen Betrag im Jahr, das Äquivalent von zwei Pflegekräften, aber es geht leider nicht anders.

Das klingt nach einer bedrohlichen Entwicklung.

Imdahl Der Respekt ist verloren gegangen. Die Aggressionen haben in den vergangenen zehn Jahren sehr zugenommen. Unsere Mitarbeiter bekommen ein Deeskalationstraining, aber es führt auch dazu, dass wir für die Notaufnahme schwerer Personal finden.

Welches ist für Sie das drängendste Problem im deutschen Gesundheitswesen?

Imdahl Es stehen zu wenig Finanzmittel für Investitionen bereit. Es gibt Unterschiede von Bundesland zu Bundesland, aber es reicht nirgendwo. Die Krankenhausgesellschaft hat schätzt den Investitionsstau auf 1,5 Milliarden Euro. Das liegt sicher auch daran, dass wir zu viele Krankenhäuser haben. Die Finanzmittel werden mit der Gießkanne verteilt und alle bekommen etwas. Die Politik hat leider nicht den Mut, Krankenhäuser zu schließen. Das würde das Problem entschärfen.

Wenn Sie in zehn Jahren die Städtischen Kliniken besuchen: Wie soll sich das Krankenhaus bis dahin entwickelt haben?

Imdahl Ich gehe davon aus, dass es dann genauso gut aufgestellt sein wird wie heute. Eine wichtige Aufgabe ist noch zu erledigen: Die Sanierung und Erweiterung der Kinderklinik. Das wird nicht ganz einfach. Vom Abriss des Altbauteils bis zur Wiederinbetriebnahme hat man höchstens sechs Monate Zeit. Das ist eine Herausforderung. Die Erweiterung ist auch nötig, weil die Geburtenzahlen in ganz Deutschland steigen. Wir brauchen mehr Betten in der Kinderklinik.

Sie haben sich viele Jahre Ihres Lebens mit Krankenhäusern, Kranken, Ärzten und Pflegekräften beschäftigt. Sind Sie häufiger krank als andere? Oder besonders gesund?

Imdahl Ich bin selten krank. Aber wenn, dann habe ich mich vertrauensvoll an unsere Ärzte gewandt.

Was macht Horst Imdahl, wenn er 2019 in den Ruhestand geht?

Imdahl Als erstes räume ich den Keller auf. Außerdem wollen meine Frau und ich durch Deutschland fahren, vor allem Richtung Osten. Nach Dresden zum Beispiel.

Angela Rietdorf und Dieter Weber führten das Interview.

(RP)