Mönchengladbach: Im Norden ist es Pils, hier ist es Alt

Mönchengladbach: Im Norden ist es Pils, hier ist es Alt

Tradition passt in ein Bierglas. Das zeigt sich bei einem tiefen Blick in selbiges in der Hensen-Brauerei.

Feierabend, Tagwerk erledigt oder einfach nur Durst: Situationen, in denen der Besuch in einer Kneipe ein lohnenswerter und erholsamer Gang sein kann. Wer sich im Norden Deutschlands, im Emsland, in Papenburg an der Theke platziert und ein Bier bestellt, der bekommt auch eines. Obenrum ist es schaumig und bildet, wenn der Zapfer sein Handwerk versteht, eine stattliche Krone. Und darunter ist es selbstredend: hell. Pils heißt das, nur nennt es am Kopf der Republik kaum einer so, sondern eben: Bier. Die Variation davon heißt: "Flasche oder Fass?".

In Mönchengladbach ist das anders. Hier entgegnet einem der Wirt in einem Brauhaus auf eine schnöde Bierbestellung: "Alt oder Pils?". Natürlich vom Fass. Und ja, natürlich Alt. Wenn man doch schon mal im Niederrheinischen sitzt. Warum gehört Alt-Bier hier zum Standardprogramm? "Ohne Alt wäre der Alltag zu grau", sagt Jonas Rödig zu einem Lieferanten, während er eine braune, noch nicht etikettierte Flasche mit dem eigenen Gebräu befüllt und schließlich verkorkt. Der 31-Jährige ist Braumeister, ebenso wie sein Kollege Patrick Schroeder. Gemeinsam mit dessen Onkel, der der Inhaber des alten Brauereigebäudes ist, sind die drei die Hensen-Brauerei. Deren Markenzeichen ist eigentlich die Tradition. Das Gründungsjahr war 1793. Gebraut wurde bis in die 1970er Jahre. Dann war rund vierzig Jahre lang nichts mit Bier, erklärt Schroeder. Seit dem Valentinstag 2017, also dem 14. Februar, wird an der Unteren Straße wieder kräftig produziert. Deshalb hat das Brauen für die Drei auch so viel mit Liebe zu tun, sagt Rödig.

Eine der inzwischen sechs Sorten ist nun eben das Alt, und das stellt sich beim Probieren als ziemlich komplexe Angelegenheit heraus. Das Öffnen der unschuldig anmutenden 330-Milliliter-Flasche aus stilechtem Braunglas verleitet zunächst zum Geruchstest. Der fällt vielversprechend aus. Würzig und doll kommt der Gerstensaft herüber. Und der Geschmackstest verläuft ähnlich. Im übertragenen wie im eigentlichen Sinne läuft das Bier vollmundig die Kehle hinunter und hinterlässt auf dem Weg dahin reichlich Eindrücke: Das Hensen-Alt ist delikat und kräftig, schmeckt prächtig zunächst, und dann kommt der Abgang. Der hat es in sich, denn der stolpert. Nichts für Zartbesaitete ist das recht herbe Ende des ersten Schlucks, der sich im Laufe der Flasche relativiert. Ein gutes Bier für anspruchsvolle Biertrinker. Eher Einsteigerformat dagegen hat das Alt der Brauerei Bolten, das von Beginn bis Ende des Schlucks sanft und köstlich verläuft - ein echtes Anfänger-Alt sozusagen und damit passend beispielsweise für Besuch aus Norddeutschland.

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Geschmacklich dürften die Männer der Hensen-Brauerei ihr Ziel erreicht haben, denn sie machen kein Jedermann-Bier. Machen ja schließlich schon die Großen. "Große Marken unterscheiden sich heute kaum noch im Geschmack", sagt Kamps über immer größer werdende Brauereien. Und außerdem: "Früher ging es um Masse", sagt Rödig über Bierkonsum. Da habe man 30 Bier in einer Kneipe getrunken und fertig. Inzwischen sei das anders. "Die Leute geben mehr Geld für gute Produkte aus." Die Sensibilität für Gutes führt in diesem Fall zur Tradition, die das Fundament für die Braukunst heute darstellt. Analog dazu entspringt symbolträchtig der Gladbach unter dem Gebäude. Und wie Kamps weiter erklärt, ist das eine der Visionen, die er brauhausperspektivisch gerne reanimieren würde: ein hauseigener Quell für all die Biere, die da noch kommen sollen. Aber dafür braucht viel Geld. Das Ziel ist noch nicht in greifbarer Nähe.

Neben bereits genanntem Alt stehen - auch am Niederrhein - Pils, Indian Pale Ale, leichtes Rauchbier, die Blutgrätsche (Pale Ale mit Blutorange) und das Coffee-Stout in der Palette. Letzteres ist das sogenannte Frühstücksbier. Rödig und Schroeder allerdings können immer trinken, wie sie versichern. Müssen sie auch. Qualitätskontrolle ist ständig ein Thema, auch morgens um halb sechs, wenn die Arbeit losgeht. Etwa ein halber Liter Bier schafft so täglich seinen Weg in den Kreislauf der Braumeister.

Nicht nur dort, sondern auch in der Brauerei laufen die malzigen Getränke weiterhin - derzeit auch sehr gut: Gerade wurden die Gär- und Lagertanks um Nummer sieben ergänzt. Die Tradition geht weiter.

(RP)
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