Mönchengladbach: Im Märchenreich der Spielkarten

Mönchengladbach: Im Märchenreich der Spielkarten

Mit einer farbenfrohen, phantasievollen Ausstattung besticht Ansgar Weigners Inszenierung der Oper Die Liebe zu den drei Orangen von Sergej Prokofjew. Die 90 Jahre alte Musik wirkt unter Graham Jacksons Leitung fruchtig-frisch. Wechselnde Spielebenen machen das Stück zur Groteske.

Der Erste, der die Bühne betritt, ist ein Langohr. Als Hase lebt Markus Heinrich gefährlich. Schon legt eine Riege Jäger mit Flinten auf ihn an. Dazu erklingt der Jägerchor aus dem "Freischütz". Was soll das? Wir warten doch auf den Beginn der Oper "Die Liebe zu den drei Orangen", die Sergej Prokofjew 1919 nach einer Komödie von Carlo Gozzi komponierte. Die enthält Turbulenzen genug, um diesen skurrilen Prolog entbehrlich zu machen.

Lautstarke Auseinandersetzung

Doch dann, es folgt Prolog Nummer 2, werden die Spielkarten neu gemischt, wir erblicken das Reich von König "Treff" (Kreuz), den Matthias Wippich als würdigen, aber beschränkten Herrscher mit Rauschebart mimt. Bevor das märchenhafte, turbulent und lebhaft von Ansgar Weigner eingerichtete Spiel seinen Lauf nimmt, erleben wir eine heftige Auseinandersetzung: Aus vorderen Parkettreihen rufen die Anhänger verschiedener Schulen der Theaterästhetik ihre Parolen. Einige Chorsänger fordern "gute Tragödien", die anderen haben Komödien lieber, die Mittelgruppe setzt auf "romantische Gefühle". Auf beiden Proszeniumslogen lassen sich während der Vorstellung Parteigänger des Theaterstreits um 1920 zwischen Realisten und Anhängern eines magischen Bühnenkonzepts als Zuschauer nieder. Theater im Theater.

Von Beginn an ist klar, dass diese Oper Brüche in den Handlungsebenen hat. Doch beim Ablauf des Spiels um einen melancholischen Prinzen, der das Lachen wieder lernen will und schließlich sein Glück in einer Riesen-Orange findet, die eine schöne Prinzessin birgt, stört der kommentierende Dauerbeschuss des Chores eher. Trägt dies doch, anders als bei Brechts Verfremdungs-Effekt, hier mitnichten zur Erkenntnis bei.

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Von alldem unbeschwert, darf Robert Schrag bei den witzigen Kostümen und liebevoll-kreativ entworfenen Spielkarten-Requisiten alle Register der Commedia dell'arte ziehen. Das Regie-Duo verführt das Auge durch ständig bewegtes Treiben auf der Märchenbühne, das in zweieinhalb Stunden nie Langeweile aufkommen lässt.

So sorgt der Auftritt der voluminösen Köchin, die Matthias Wippich zwischen brutaler Handfestigkeit und kindlichem Begehren anlegt, für Ahs und Ohs. Im Hautkostüm zeigt die dralle Küchenmamsell blanken Busen und üppige Hüften. Zu dem vor Angst schlotternden Spaßmacher Truffaldino (Markus Heinrich) ist sie gar nicht mütterlich, droht ihm vielmehr mit dem Suppenlöffel den Garaus an.

Die Musik Prokofjews passt in die Zeit um 1920, als Hindemith seine "Sancta Susanna" und Alban Berg den "Wozzeck" schrieb. Gemäßigt modern klingt, was die Niederrheinischen Sinfoniker unter Leitung von Graham Jackson spielen: eine episodisch zerzauste, situativ orientierte, doppelbödige Musik, die selten lyrisch atmet, die lieber lärmt, aber in der Harmonik noch nicht so spröde und kantig wirkt wie in Prokofjews späteren Werken. Der prägnante Festmarsch entpuppt sich gar als Ohrwurm — das hätte Bernstein nicht aussagekräftiger für ein Musical setzen können.

Die Solisten haben wenig Gelegenheit, Glanz zu entfalten. Gern gesellt ihnen Prokofjew tonmalerische Klangbilder hinzu. Mit Kaskaden im Jammerton kann Tenor Johan Weigel als gemütskranker Prinz nicht viel Ruhm ernten. Markus Heinrich nimmt durch sein komisches Talent ein. Solide vertreten Dara Hobbs (Sopran) als böse Zauberin Fata Morgana und ihre Entourage Clarissa (Eva Maria Günschmann) und Leander (Andrew Nolen) auch stimmfarblich die böse Seite. Hayk Dèinyan, der aussieht wie Salvador Dalí, spielt den guten Zauberer, der seinem magischen Talent selbst misstraut. Besonderes Lob gebührt Igor Gavrilov für seine auch mimisch faszinierende Partie des Teufels Farfarello. — Das Premierenpublikum dankte für die amüsante Unterhaltung mit kräftigem Beifall.

(RP/rl)
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