Mönchengladbach: Im Gedenken an den toten Sohn

Mönchengladbach : Im Gedenken an den toten Sohn

Für eine Kapelle ist das neugotische Gotteshaus an der Rudolfstraße eigentlich zu groß. Deshalb kann der Bau, den ein Industrieller einst errichten ließ, durchaus auch als kleinste Kirche der Stadt angesehen werden.

Waldhausen Rudolf Brandts würde die Textilfirma seines Vaters Franz erben und weiterführen. So sah der Plan aus. Doch dazu sollte es nicht kommen: "Rudolf starb 1889 mit 21 Jahren an Tuberkulose", erzählt Heinz Habrich. Viele junge Männer habe damals dieses Schicksal ereilt, ergänzt der Gladbacher Kirchenkenner. Immer wieder bietet er Führungen durch Gotteshäuser an, darunter etwa am Tag des offenen Denkmals auch durch die katholische Brandtskapelle. Sie habe der Unternehmer Franz Brandts (1834 bis 1914) nach dem Tod seines ältesten Sohnes als Grabeskirche errichten lassen, sagt Heinz Habrich.

Platz für 60 Gläubige

"Das ist die einzige Kirche der Stadt, die privat auf privatem Grund gebaut wurde." Rund 60 Gläubige finden darin Platz, für eine Kapelle sei das eigentlich zu groß, erzählt er. Deshalb sei das Gotteshaus in seiner Ausdehnung zwischen Kapelle und Kirche anzusiedeln, könne aber auch als kleinste Kirche Mönchengladbachs angesehen werden. "An der rückwärtigen Chorwand befindet sich die Grabstätte der Familie Brandts", sagt Heinz Habrich.

Geweiht sei die Kirche dem heiligen Aloisius. Auch er lebte nur kurz: Der Italiener kümmerte sich im 16. Jahrhundert intensiv um Kranke, steckte sich mit der Pest an und starb mit 23 Jahren. "So, wie die Brandtskapelle gebaut wurde, ist sie noch heute erhalten", sagt Heinz Habrich. An der Decke winden sich wie vor mehr als 100 Jahren aufgemalte Blütenranken. Die Wände sind mit Ornamenten in Rottönen verziert, die wie Teppiche wirken. Ringsherum sind bunte Kupferplatten mit der Darstellung des Kreuzwegs aufgehängt. Im Oktober 1896 wurde die Brandtskapelle eingeweiht, ihr Architekt war Franz Brandts Schwager Anton Peter Neu. "Das war die einzige Kirche, die er baute", erzählt Habrich. Franz Brandts hatte den Schwager darum gebeten. Damit sie überhaupt gebaut werden durfte, brauchte der Industrielle die Genehmigung des preußischen Königs. "Weil darin Gottesdienste gefeiert werden sollten", begründet Heinz Habrich. Brandts Angestellte nutzten die Kapelle darüber hinaus, um dort nach der Arbeit Kraft zu finden.

Ein Spruchband am Eingang, das von einer Engelsstatue gehalten wird, schlägt eine Brücke zwischen Religion und Tagwerk: "Der ehelichen Verbindung zwischen industrieller Arbeitswelt und Glauben gewidmet", ist zu lesen. Gegenüber steht ein zweiter Engelsbote mit einem Spruchband. "Geheiligt dem Gedächtnis von Rudolf Brandts", lautet die Inschrift.

(RP)
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