IG Metall Mönchengladbach: Interview mit Reimund Strauß zu Nexans und Co.

IG Metall in Mönchengladbach : „Wir haben zu wenig Betriebe, die ausbilden“

Reimund Strauß, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Mönchengladbach, über Langzeitarbeitslose und die niedrige Arbeitslosenquote, die abgewendete Schließung des Transformatorenwerks und die Bedeutung von Fachkräften für den Standort Mönchengladbach.

Herr Strauß, der Kabelhersteller Nexans will im Kabelwerk Rheydt 110 Stellen abbauen. Wie haben die Mitarbeiter und Sie die Nachricht aufgefasst?

Strauß Die Nexans-Gruppe holzt kräftig. Es ist schon sehr heftig, dass man keine Hemmungen hat, Hannover zu schließen und in Mönchengladbach deutlich abzubauen. Die Kollegen sind schockiert und empört. Und überlegen wie und wann wir uns bemerkbar machen. Gelbe Westen haben wir reichlich. Dabei hat sich das Werk in Rheydt gut entwickelt: Die Auftragsbücher sind recht gut gefüllt. Ich glaube, es handelt sich um eine strategische Entscheidung, mehr Teile der Produktion nach Frankreich zu holen. Es gab im Kabelwerk immer wieder Reduzierungen in kleinen Schritten, insofern musste man mit so einem Schritt immer rechnen. Aber diese Größenordnung haben wir nicht erwartet.

Alle rechnen nun auch mit betriebsbedingten Kündigungen in Mönchengladbach. Was können Sie in den anstehenden Verhandlungen jetzt rausholen?

Strauß Wir sind jetzt in der Sondierungsphase. Ich glaube nicht, dass das ohne betriebsbedingte Kündigungen ablaufen wird. Als vor gut vier Jahren die Metallurgie geschlossen wurde, hat das über Altersteilzeit-Regelungen, Transfergesellschaften und Abfindungen relativ geräuschlos funktioniert. So etwas würde ich mir jetzt natürlich auch wünschen. Zuletzt hatten wir bei Nexans vor eineinhalb Jahren ein Programm zum Stellenabbau, bei dem Leute freiwillig gegangen sind. Jetzt rechne ich aber mit Widerstand.

Die Zentrale mit 30 Mitarbeitern wird von Hannover nach Mönchengladbach verlegt. Sichert das den Standort?

Strauß In Hannover hat das ja nicht funktioniert. Die Zentrale ist ja erst vor wenigen Jahren von Mönchengladbach nach Niedersachsen gezogen. Unsere allergrößte Befürchtung ist: Kleinere Einheiten schließt man leichter und geräuschloser. Insofern tut jeder Stellenabbau weh.

Die Arbeitslosenquote in Mönchengladbach ist mit 8,8 Prozent so niedrig wie praktisch noch nie. Wie zufrieden macht das einen Gewerkschafter?

Strauß Es stimmt, in den letzten 30 Jahren haben wir solche Zahlen noch nie gehabt. Wir haben eine gute Konjunktur, und in Mönchengladbach ist einiges passiert, was sich zusätzlich sehr positiv auswirkt. Ich hätte mir bei den Gewerbeansiedlungen allerdings mehr produzierendes Gewerbe gewünscht. Leider bleibt aber in Mönchengladbach der Anteil an Langzeitarbeitslosen sehr hoch. Darunter sind etliche, die aus der traditionellen Produktion kommen, dann bei Leiharbeitsfirmen waren und irgendwann den Anschluss nicht mehr geschafft haben. Wer aber einmal im System der Langzeitarbeitslosigkeit ist, kommt nicht mehr raus.

Was halten Sie von der arbeitsmarktpolitischen Maßnahme für Langzeitarbeitslose, dem Teilhabechancengesetz?

Strauß Es ist noch zu früh, das wirklich zu beurteilen, aber die Maßnahme ist vielleicht eine Chance.

Warum ist die Langzeitarbeitslosigkeit in Mönchengladbach so hartnäckig hoch? Nur aus historischen Gründen?

Strauß Natürlich gibt es die historischen Gründe, die mit dem Niedergang der Textilindustrie zusammenhängen. Aber wenn ich auf unsere Branche, also die Metallindustrie, schaue, dann sehe ich, dass mit den Betrieben, die verloren gegangen sind, auch die Ausbildungsplätze verschwunden sind. Schlafhorst zum Beispiel hatte mehr als 100 Ausbildungsplätze. Heute haben wir nur noch vier Betriebe, die nennenswert ausbilden, nämlich SMS, Trützschler, Scheidt & Bachmann und Starrag (Dörries Scharmann). Insgesamt haben wir zu wenig klassische gewerblich-technische Ausbildungsplätze und damit in der Folge zu wenig Fachkräfte. Produzierendes Gewerbe geht aber dorthin, wo Fachkräfte sind. Fachkräfte wiederum haben auch kein Problem, in die Langzeitarbeitslosigkeit zu rutschen. Das kann man jetzt wieder bei SMS sehen. Dort haben viele der von Kündigung betroffenen Kollegen längst Angebote vorliegen.

Stichwort SMS: Von den 1500 Stellen in Mönchengladbach sollten 280 wegfallen, davon 130 in der Werkstatt. Sie haben mit der Geschäftsführung verhandelt. Wie ist die Lage?

Strauß Ja, wir haben als IG Metall verhandelt. Es war ein langer Prozess, aber wir haben jetzt eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2023. Auch die Schließung der Werkstatt konnte abgewendet werden. Allerdings wird das 2020 noch mal überprüft. Aber die Werkstatt ist auf dem neuesten Stand, hier wurde sehr viel investiert, wie überhaupt in den ganzen Standort. SMS hat das Konjunkturtal nicht erwartet, stellt sich jetzt aber breiter auf. Ich sehe nicht schwarz für den Standort Mönchengladbach.

Welches Verhandlungsergebnis haben Sie erzielt?

Strauß Es ist ein sehr komplexer Tarifvertrag, der zwei Stunden unbezahlte Mehrarbeit und zehn Prozent Lohnverzicht umfasst, aber eben auch Beschäftigung sichert. Da es für die gesamte Metallindustrie einen recht üppigen Abschluss gab, hatten wir Verhandlungsmasse. Außerdem gibt es einen kleinen Bonus für IG-Metall-Mitglieder.

Gab es bisher Kündigungsschutzklagen?

Strauß Kaum. Ich weiß von vier. Die meisten Kollegen warten auf die Abfindung, finden aber schnell etwas Neues. Etliche sind auch in der Transfergesellschaft, um sich zu qualifizieren und dann leichter etwas anderes zu finden.

Die Schließung des Transformatorenwerks an der Rheinstraße wurde abgewendet, General Electric betreibt es jetzt selbst weiter.

Strauß Stimmt, das ist ausgesprochen erfreulich. Und sehr ungewöhnlich, denn normalerweise setzt GE solche Schließungsankündigungen auch um. Ich denke, dass sich vier Faktoren positiv für den Gladbacher Standort ausgewirkt haben: die gute Auslastung des Werks, die gute Struktur der Fabrik, die Tatsache, dass die Mitarbeiter bei der Stange geblieben sind und die Geschäftsführung sich vehement für den Standort eingesetzt hat – und schließlich der Wunsch der Kunden, die ausdrücklich aus Mönchengladbach beliefert werden wollten. Es gab übrigens viele Interessenten für das Werk. Ein brasilianischer Konzern hat zum Beispiel bei uns angefragt und nach Kontakten gefragt.

Ein Sorgenkind ist und bleibt Schorch.

Strauß Ja, Schorch ist ein Problem. Der chinesische Eigentümer schießt zwar Geld zu, unternimmt aber nichts mehr. Anscheinend soll nur noch der Name übrig bleiben. Außerdem wird ein Kleinkrieg mit dem Betriebsrat geführt, ein Verhalten, das wir von anderen chinesischen Eigentümern eigentlich nicht gewöhnt sind. Von den 600 Mitarbeitern vor fünf Jahren sind noch knapp 200 übrig. Ich sehe kaum Perspektiven, das Unternehmen wird an die Wand gefahren. Wenn es ganz gut läuft, bleiben vielleicht 45 Mitarbeiter übrig, eventuell im Entwicklungszentrum, der Motorenprüfung und der Verpackung.

Die IG Metall ist auch zuständig für Textil und Bekleidung. Aunde-Chef Rolf Königs sagt eine Renaissance der Textilindustrie voraus. Teilen Sie den Optimismus?

Strauß Aunde steht ohne Zweifel super da, und das ist auch auf die Leistung von Herrn Königs zurückzuführen. Aber ich glaube, er überschätzt die Situation der anderen Textilbetriebe. Die Hersteller sind nicht groß, und in Mönchengladbach wird wenig produziert. Es gibt langsam eine Eintrübung der Konjunktur, und Textil geht immer vor den anderen in die Knie. Deshalb bin ich da nicht so optimistisch.

Die Textilakademie wurde eröffnet, rings herum entsteht ein Textilcampus. Wie schätzen Sie die Entwicklungschancen ein?

Strauß Die Textilakademie in Mönchengladbach anzusiedeln war eine folgerichtige Entscheidung, denn die Branche hat Schwierigkeiten, Bewerber zu finden. Wenn Gladbacher Auszubildende dann auch noch weit fahren müssen, wird es doppelt schwierig.

Sprechen wir noch einmal über Fachkräfte. Wie wichtig sind sie für die Wirtschaft in Gladbach? Herrscht schon Mangel?

Strauß Ich stehe dem Thema Fachkräftemangel zwiespältig gegenüber, aber eins ist klar: Es gibt Bereiche, in denen Mangel herrscht. Wir müssen verstärkt für die klassische gewerblich-technische Ausbildung werben. Die Berufe punkten mit guten Arbeitsbedingungen, einem hohen Lohnniveau und attraktiven Arbeitszeiten. Um Industrie zu halten oder anzusiedeln, braucht Mönchengladbach Fachkräfte. Unternehmen richten sich nach dem Fachkräfte-Angebot. In Wegberg zum Beispiel wurde das Siemens-Testzentrum angesiedelt, weil nach der Zechenschließung in Hückelhoven und dem Weggang der Royal Air Force Fachkräfte aus dem technischen Bereich vorhanden waren. Flächen standen zur Verfügung, die Behörden haben schnell reagiert. Es fing mit 150 Mitarbeitern an, heute sind dort 500 beschäftigt.

Die Digitalisierung ist die Zukunft. Was passiert in dieser Hinsicht in Mönchengladbach?

Strauß Die Betriebe gehen unterschiedlich mit dem Thema um. Allerdings sind die Gladbacher Unternehmen meiner Meinung nach nicht so offensiv dabei wie zum Beispiel die Betriebe in Ostwestfalen, wo die Digitalisierung ein permanentes Thema ist. Wir haben hier auch kleinere familiengeführte Unternehmen, wo es noch gewisse Vorbehalte gibt. Große Chancen sehe ich für Gladbacher Betriebe beim Thema E-Mobilität, denn in Mönchengladbach gibt es schon lange einen Schwerpunkt im Bereich Elektro. Die Kompetenz ist vorhanden.

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