Serie Denkanstoss: Ideologien, die Mitgefühl töten

Serie Denkanstoss: Ideologien, die Mitgefühl töten

"Wo leben die kleinsten Menschen der Welt? - "In Rheydt, weil der größter Sohn der Stadt nur 1,65 Meter groß ist!" Solche Witze, die auf Reichspropagandaminister Joseph Goebbels gemünzt waren, wurden in der NS-Zeit heimlich erzählt. Die Nazi-Größen hatten kaum Humor, und Goebbels, der so gerne über andere lachte und politische Gegner gnadenlos lächerlich machte, war hochempfindlich. Hatte er wegen seines Klumpfußes, der ihn hinken ließ, Minderwertigkeitskomplexe? Peter Longerich, durch dessen 900 Seiten starke Goebbels-Biografie ich mich derzeit kämpfe, hält ihn eher für einen Narzissten, der ein unstillbares Bedürfnis nach Selbstbestätigung und Selbstüberhöhung hatte.

Und so verfolge ich die Entwicklung jenes kleinen Mannes, der am 27. Oktober 1897 in Rheydt geboren wurde und hier aufwuchs, bis er ins Studium und noch später nach Berlin ging. Das Buch, in dem die Goebbels-Tagebücher ausgewertet wurden, verrät viel über die Wirren jener Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die schweren seelischen Verwüstungen, die dieser hinterlassen hatte. Wie unzählige andere war auch Goebbels ein verzweifelter Sinnsucher. Aus gutkatholischer Familie stammend schwankte er lange zwischen Depression und Allmachtträumen, zwischen christlichen Erlösungsfantasien und sozialistischen Idealen hin und her.

Irgendwann drang - trotz einer Geliebten, die jüdischer Herkunft war - fanatischer Antisemitismus in seine Weltsicht ein. Als er Hitler 1925 begegnete, hatte er sein Idol, seinen "Führer", gefunden und propagierte ihn fortan als den "Erlöser" Deutschlands. Wenn Goebbels in Hitlers Nähe war, dann strahlte er wie ein Kind und stellte jeden Anflug von Bedenken an Hitlers Politik zurück. Wer Longerich liest, sitzt gleichsam bei Familie Goebbels mit am Tisch und erlebt auch hautnah die Ehekrisen mit, die ihn und seine Ehefrau Magda immer wieder heimsuchten, zum Teil durch Sexaffären, die der "Doktor" nebenbei hatte.

Gerade hier gewinnt der Leser den Eindruck, dass Goebbels zwar zu Sentimentalität und großem Selbstmitleid neigte, echtes Mitgefühl und verantwortungsbewusste Liebe dagegen nicht kannte. Auch ihm nahestehende Menschen wurden instrumentalisiert, um sein Selbstbewusstsein zu stärken und eigenen Ruhm zu mehren. Selbst die von ihm und seiner Ehefrau beschlossene Ermordung der sechs Kinder am 1. Mai 1945 in den Trümmern der Berliner Reichskanzlei war ein letzter Versuch, sich als Opfer für eine höhere Idee zu stilisieren und so die Nachwelt über sich zu täuschen...

Solche Lektüre ist hart und erhellend zugleich. Sie zeigt, was aus Menschen wird, wenn sie sich bei ihrer Sinnsuche radikalisieren und Ideologien verschreiben, die jegliches Mitgefühl abtöten. Goebbels, der hochintelligent war und über ein außerordentliches Redetalent verfügte, wusste früh, dass der Krieg in eine Katastrophe führen würde. Als er am 18. Februar 1943 seine berüchtigte Rede zum "Totalen Krieg" im Berliner Sportpalast gehalten hatte, sprach er selbst von einer "Stunde der Idiotie" und fügte hinzu: "Wenn ich den Leuten gesagt hätte, springt aus dem dritten Stock des Columbus-Hauses, sie hätten es auch getan."

Lassen Sie dieses vor 80 Jahren entstandene "Meisterwerk" der Massendemagogie einmal auf sich wirken, auch wenn's weh tut. Im Internet ist es zugänglich. Dort kann man allerdings auch andere Reden anklicken, die heute gehalten werden. Mein Eindruck ist: Da wird zum Teil geübt und auch gerne mal in die gut gefüllte rhetorische Werkzeugkiste jenes kleinen Mannes gepackt, der hier seinen Ursprung hatte und zunächst wie einer von uns war.

OLAF NÖLLER IST EVANGELISCHER PFARRER IN RHEYDT.

(RP)