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Mönchengladbach: Ich glaube an das Buch und die Bibliothek

Mönchengladbach : Ich glaube an das Buch und die Bibliothek

Guido Weyer, Leiter des Fachbereichs Bibliothek und Archiv, spricht über den Zweck von Bibliotheken im 21. Jahrhundert, die Möglichkeiten eines Ausbaus der Stadtbücherei und über die Rolle von Borussenmaskottchen Jünter beim Thema Leseförderung. Außerdem erklärt er, warum er die Harry Potter-Reihe für einen Segen hält.

Herr Weyer, die Freibäder machen in diesem Jahr ein Rekordminus. Treibt das schlechte Wetter die Menschen in die Bibliotheken?

Weyer Ja, wir gehören definitiv zu den Gewinnern des Sommers. Regenzeit ist Lesezeit. Das sieht man auch am Winter, der für uns die stärkste Jahreszeit ist.

Können Sie die Steigerung zum Vorjahr bereits beziffern?

Weyer Ja, die liegt bei drei bis vier Prozent. Das mag nach wenig klingen, doch in absoluten Zahlen ist das schon sehr viel. Hinzu kommt, dass andere Bibliotheken Rückgänge verzeichnen.

Sind unter den drei bis vier Prozent viele Kinder und Jugendliche?

Weyer Das ist tatsächlich so. Wenn das Wetter im Sommer gut ist, gibt es eine Fülle von Freizeitmöglichkeiten für Kinder. Wenn es im Sommer regnet, finden viele den Weg in die Bibliothek. Überhaupt wird das Thema Leseförderung bei uns seit einiger Zeit groß geschrieben.

Inwiefern?

Weyer Sehen Sie, früher hat man nicht wirklich erkannt, dass man sich um die Kinder kümmern, sich um sie bemühen muss. Heute haben wir - in Zusammenarbeit mit dem Integrationsbeauftragten - schon in 56 von 120 Kindertagesstätten sogenannte "Zwergenbibliotheken", aus denen sich die Kinder Bücher ausleihen können. Darüber hinaus gehen wir zum Beispiel mit Jünter, dem Maskottchen von Borussia, in die Schulen und werben für das Lesen. Es ist unglaublich, wie beliebt er ist. Ich denke, er dürfte bundesweit unschlagbar sein.

Wie viele Ihrer Mitglieder sind denn unter 18 Jahre alt?

Weyer Ein Drittel unserer Kunden. Seitdem Kinder bis 18 Jahre von der Ausweisgebühr befreit sind, haben wir einen Zuwachs in dieser Altersklasse von 13,5 Prozent.

Herr Weyer, wie haben die letzten Jahrzehnte die klassische Bibliothek verändert?

Weyer (nachdenklich) Beinahe hätte ich gesagt: Sie haben alles verändert! Früher gab es die klassische Buchbibliothek. Wir verstehen uns heutzutage als sogenannte Mediothek, da wir in unserem Sortiment auch DVDs, CDs und zum Beispiel Konsolenspiele führen. Wir kommen so auf insgesamt circa 500 000 Medien. Die Gesellschaft, in der wir leben, ändert sich rasend schnell. Das geht natürlich auch an den Bibliotheken nicht spurlos vorüber.

Zum Beispiel?

Weyer Es war früher eine Selbstverständlichkeit, Bücher im Haushalt zu haben und zu lesen. Das ist heute mitnichten der Fall.

Also sind die Zahlen bei der Buchausleihe rückläufig?

Weyer Nein, interessanterweise nicht. Vielmehr gehen - vielleicht aufgrund des Internets - die Musikausleihen zurück. Gerade das können wir aber mit den Buchausleihen kompensieren.

Wie viele Besucher haben Sie überhaupt pro Tag? Leihen viele etwas aus?

Weyer Von den circa 2000 Besuchern, die wir pro Tag haben, leihen 60 Prozent nichts aus. Die Menschen gehen aus ganz unterschiedlichen Gründen in die Bibliotheken: Manche lesen Zeitung, andere surfen im Internet, wieder andere suchen in unseren Zeitschriften nach dem Geschirrspüler, der am besten bewertet ist.

Welche Zwecke verfolgt eine Bibliothek im 21. Jahrhundert?

Weyer Es ging immer und es geht auch heute noch um die Demokratisierung der Information. Eine Demokratie kann nur dann funktionieren, wenn die Bürger zumindest über ein Minimum an Bildung verfügen. Dafür müssen allerdings alle Klassen Zugang zu den notwenigen Informationen haben. Das ist Aufgabe und Zweck der Bibliothek.

Wie viel Geld steht Ihnen pro Jahr für Neuanschaffungen zur Verfügung?

Weyer 184 000 Euro. Derselbe Betrag, über den wir schon in den 70er Jahren verfügten. Nur dass sich die Buchpreise seitdem verdoppelt bis verdreifacht haben. Wir haben allerdings aus der Film- und Musikausleihe pro Jahr Einnahmen von ungefähr 200 000 Euro. Ein Teil von diesem Geld stecken wir auch in neue Medien.

Ihre Einrichtungen sind immer gut besucht. Wie viel Platz mehr könnten sie gebrauchen?

Weyer Wir würden gerne den Zustand von 1964 wieder herstellen. Damals gab es noch einen Veranstaltungsraum, den wir allerdings seit einigen Jahren für Medien brauchen. Zum Beispiel für Führungen mit Schulklassen wäre ein solcher Raum ideal, damit wir nicht die Kunden in der Bibliothek stören, die gerade lesen. Aber auch für Veranstaltungen.

Besteht denn eine Möglichkeit, die Bibliothek auszubauen?

Weyer Ja, 1330 Quadratmeter würden wir bei einem Ausbau nach vorne zur Blücherstraße gewinnen. Der breite Fußweg dort gehört auch der Stadt, das heißt, zumindest insoweit dürfte es keine größeren Probleme geben. Aber das wird wohl die Zeit zeigen.

Die Bibliotheken sind die bestbesuchten kulturellen Einrichtungen der Stadt. Bekommen Sie manchmal schlechte Laune, wenn Sie Ihren Etat mit dem des Theaters vergleichen?

Weyer Nein, schlechte Laune nicht. Klar ist allerdings: Wer von Kleist noch nie etwas gehört hat, wird sich mit Sicherheit auch nicht im Theater den "Zerbrochenen Krug" anschauen. Oder nehmen Sie einmal den Fußball. Überall wird Frühförderung groß geschrieben, nur bei der Bildung scheint sich diese Erkenntnis immer noch nicht in den Köpfen der Menschen festgesetzt zu haben.

Erhalten Sie eigentlich Schenkungen beziehungsweise auch Geldschenkungen?

Weyer Geldschenkungen haben wir bisher keine erhalten. An Buchschenkungen erhalten wir täglich ungefähr drei Kisten. Aber viele der Bücher, die uns gespendet werden, sind leider kaum zu gebrauchen.

Sie sprachen von Leseförderung, was denken Sie über die Harry Potter-Reihe?

Weyer Sie ist ein Segen, weil sie viele Kinder zum Lesen gebracht hat. Es gab eine Zeit, da hatten wir jeden Harry Potter-Band bis zu 64 Mal, also über 1000 Harry Potter-Exemplare in unseren Einrichtungen. Und sie waren immer ausgeliehen.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bibliothek in Zeiten des Internets und des E-Books?

Weyer Ich bin kein Träumer, aber ich glaube felsenfest an das Buch und die Bibliothek. Die Bibliothek wird immer auch ein Ort sein, wo Menschen sich treffen. Und persönlich kann ich mir nicht vorstellen, mit einem E-Book am Strand zu liegen. Mir würde etwas fehlen.

Herr Weyer, noch eine letzte Frage: Welches Buch liegt derzeit auf Ihrem Nachttisch?

Weyer (lacht) Da liegen immer mehrere. Zurzeit lese ich aber von Martin Suter "Der Koch".

Ralf Jüngermann, Gabi Peters und Fabian Eickstädt führten das Gespräch mit Guido Weyer.

(RP)