Redaktionsgespräch Markus Offermann: "Ich bin ein Strippenzieher"

Redaktionsgespräch Markus Offermann : "Ich bin ein Strippenzieher"

Der Rheydter Quartiersmanager spricht über seinen Arbeitsalltag, den langen Atem und die Herausforderungen des sozialen Wandels.

Welche Qualifikationen braucht ein Quartiersmanager?

Offermann Meistens kommen Quartiersmanager aus der Raumplanung und Stadtentwicklung oder aus der Gemeinwesenarbeit, sind also Sozialarbeiter. Wir in Rheydt kommen aus den Bereichen Sozialwissenschaften, Design und Kulturpädagogik. Ein guter Mix, der gut funktioniert.

Markus Offermann ist der Rheydter Quartiersmanager. Foto: Reichartz

Wie ist das Quartiersmanagement in Rheydt eigentlich organisiert? Woher kommt das Geld?

Offermann Das läuft über das Programm "Soziale Stadt". Der SKM Rheydt und die Familienbildungsstätte haben sich als Bietergemeinschaft beworben und den Zuschlag bekommen. Dabei übernimmt die FBS die Organisation der Stadtteilkonferenz und wir das Quartiersmanagement vor Ort. Der Architekt Markus Sillmanns ist für das Hof- und Fassadenprogramm zuständig. Wir kooperieren auch mit der Wirtschaftsförderung. So wurde beispielsweise das Portal Provisorium, das dem Leerstand entgegengearbeitet, finanziert.

Beliebter Treffpunkt ist die Boule-Bahn. Foto: Ilgner

Das hört sich nach einer Menge Aufgaben an, die bei Ihnen zusammenlaufen.

Offermann Unsere eigentliche Aufgabe ist die Quartiersbelebung und die Gestaltung des sozialen Wandels. Es hat sich viel verändert in den vergangenen Jahrzehnten. In den Innenstädten wohnen heute zu rund 40 Prozent AGL II-Empfänger. Dadurch hat sich die Kaufkraft verändert, gleichzeitig gibt es eher mehr Einzelhandelsflächen. Ein solcher Wandel muss gestaltet werden. Der öffentliche Raum übernimmt eine wichtige Funktion.

Bei der "Schauzeit" präsentierten sich auch Gladbacher Autoren. Foto: isch

In Rheydt gibt es ein schönes Beispiel für neu gestalteten Raum.

Offermann Sie meinen den Marktplatz? Ja, das ist ein gutes Beispiel. Hier sieht man den Wandel. Der Marktplatz wird heute bis spät in den Abend hinein genutzt, und zwar auch viel durch Menschen mit Migrationshintergrund. Da setzen zum Beispiel Kulturprojekte wie "Kultur unter Laternen" und der "Mitmach-Zirkus an. Wir wollen mit dem arbeiten, was da ist und nicht beklagen, was nicht mehr da ist. Es geht darum, Potenziale zu sehen, nicht Defizite. Wir müssen immer nach den geeigneten Nutzern für Angebote suchen.

Welche Nutzer zieht denn die Rheydter Innenstadt an?

Offermann Das ist unterschiedlich. Die Schauzeit hat gezeigt, dass auch hochwertige Waren ziehen. "Showpieces", wo hochwertige Lederwaren und Schmuck angeboten wurden, hat die besten Verkaufszahlen vorzuweisen. Das geht also. Einen anderen Weg beschreitet "Hanna Moden". Ihr Angebot wendet sich an die Zielgruppe der türkischen Migrantinnen. So etwas nennt sich ethnische Ökonomie. Es ist wichtig, das Potenzial der Migranten zu nutzen und so etwas zu fördern, auch wenn es für den einen oder anderen, der Rheydt aus den 1970er und 1980er Jahren kennt, befremdlich sein mag. Wir wollen Dinge möglich machen.

Geht es Ihnen oft zu langsam?

Offermann Nein, eigentlich nicht. Sozialer Wandel ist auch langsam, weil er hochkomplex und differenziert ist. Etwas aufzubauen dauert eben länger, als etwas einzureißen. Unsere Arbeit besteht aus drei Phasen: die Vision, die Strategie und die Umsetzung. Das braucht auch Zeit.

Welche Vision verfolgen Sie?

Offermann Vielfalt braucht einen Platz. Auf dem Rheydter Markt ist das schon geschehen, Es könnte allerdings noch mehr sein, Musik auf dem Platz, öffentliche Chorproben und vieles mehr. Es wurde auch schon Tango getanzt auf dem Markt, und auch der Sommernacht-Markt mit Trödel, Musik und Streetfood war ein Erfolg. In den Parks passiert auch einiges, zum Beispiel das TamTam im Theaterpark. Die freie Kulturszene allerdings hat noch keinen Platz in Rheydt.

Es fehlen auch Räume für größere Veranstaltungen wie Konzerte.

Offermann Das stimmt. Auch jüngere Vereine haben da ihre Probleme. Man könnte leerstehende Ladenlokale und Fabrikhallen nutzen, aber dafür braucht man Investoren und einen langen Atem.

Haben Sie auch eine Vision für den Rheydter Bahnhof?

Offermann Als Quartiersmanagement sind wir da nicht direkt involviert. Aber natürlich stecken im Bahnhof jede Menge Möglichkeiten. Am sinnvollsten ist sicher ein Mix aus soziokultureller Nutzung, Handel und Gastronomie. Mit Veranstaltungen, die auch nach draußen bis in die Bahnhofstraße wirken.

Das geplante Studentenwohnheim am Ring kann zur Belebung von Rheydt beitragen. Wie sehen Sie die Rolle der Hochschule?

Offermann Die Hochschule einzubinden ist sehr wichtig. Studierende entwickeln oft innovativen Produkte oder Ideen, wir können helfen, sie bekannt zu machen.

Ist es schwierig, mit der Hochschule zusammenzuarbeiten?

Offermann Größere Systeme kreisen immer um sich selbst, auch eine Hochschule. Aber die Zusammenarbeit läuft gut, zum Beispiel über den Förderverein "Textile and Fashion Institute Mönchengladbach".

"Textil im Exil" ist spannend.

Offermann Ja, das ist großartig. In der Hauptpassage in Rheydt werden Räume genutzt, damit Gruppen dort zusammenarbeiten können, Ausstellungen organisieren und sich darstellen können. Eine Textilbibliothek soll aufgebaut werden mit den modernsten nutzbaren Materialien. Ebenfalls in der Hauptpassage hat Querkult während der Schauzeit sehr zu Belebung beigetragen. Da hat zum Beispiel ein Chor von 80 Leuten gesungen. Das beweist, dass der Bedarf da ist und die Leute auch angesprochen werden können.

Obwohl die Eigentümer bei Zwischennutzungen keine Miete bekommen, profitieren sie von Aktionen wie der Schauzeit.

Offermann Ja, es wird ein anderes Publikum angelockt, davon profitieren alle.

Wie würden Sie Ihre Arbeit als Quartiersmanager beschreiben?

Offermann Ich bin ein Strippenzieher. Wir haben zum Beispiel dafür gesorgt, dass der Rheydter Künstler Carlos Pohle sich im Rahmen des Projektes "Rheydter Kunstsprossen" beim Kulturmarkt präsentieren konnte. Das war ein großer Erfolg. Wir sorgen dafür, dass sich Netze bilden. Das beste Beispiel ist die Erfolgsstory der Rollbrett Union im Rollmarkt an der Hauptstraße. Hier sind viele Dinge zusammengekommen. Ohne unsere Unterstützung wäre das nicht möglich geworden.

Wie sieht der normale Arbeitstag eines Quartiersmanagers aus?

Offermann Die Arbeit ist sehr kleinteilig. Ich führe viele Gespräche und Telefonate. Oft muss man nicht einmal, sondern drei-, vier- oder fünfmal anrufen, um etwas zu erreichen. Es gibt normalerweise drei Phasen: den Kontakt herstellen, für eine Idee sensibilisieren und dann in die Umsetzung gehen. Wenn alles gut geht. Natürlich kommen auch Leute mit ihren Ideen zu uns. Wir beraten sie dann. Es geht nicht nur darum, zum Beispiel eine Ausstellung zu organisieren, sondern auch um Aktivierung, um die Leute an den Ausstellungsort zu bekommen. Damit die Innenstadt belebt wird.

Rheydt hat viel Geld aus dem Projekt "Soziale Stadt" bekommen, aber ist die Stadt jetzt wirklich sozial? Problemecken wie der Tellmannplatz gibt es immer noch.

Offermann Gerade der Tellmannplatz funktioniert vorbildlich. Hier arbeiten viele gut zusammen. Nach der Umgestaltung kommen auch andere Besucher an den Platz.

Wie sieht es bei den Parks aus? Der Hugo-Junkers-Park ist umgestaltet, wird aber nicht wirklich bespielt. Beim Theaterpark sieht das etwas anders aus.

Offermann Ja, beim Hugo-Junkers-Park ist die Belebung noch nicht wirklich gelungen. Aber im Theaterpark bewegt das Projekt "Hey Rheydt!" einiges. "Hey Rheydt!" ist übrigens ein Vorzeigebeispiel dafür, wie wir als Quartiersmanagement arbeiten. Wir helfen bei der Akquise von Fördermitteln und unterstützen so, dass die engagierten Bürger dran bleiben können. Engagierte Menschen dürfen nicht zu oft gegen die Wand laufen, sonst geben sie irgendwann auf. In Rheydt ist sicher noch viel bürgerschaftliches Engagement ungenutzt.

Das Quartiersmanagement ist zeitlich befristet. Wie lange laufen die Verträge?

Offermann Das Quartiersmanagement ist bis 2020 gesichert. Ich glaube aber, dass eigentlich fünf Jahre nötig sind, damit sich Wirkungen zeigen beziehungsweise verstetigen.

DAS GESPRÄCH FÜHRTEN MARLEN KESS, ANGELA RIETDORF UND INGE SCHNETTLER.

(arie)
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