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Weihnachtsgeschichte: Ich bin doch nicht doof

Weihnachtsgeschichte : Ich bin doch nicht doof

Der Kauf von Weihnachtsgeschenken kann ganz schön schwierig sein. Die Kinderbuchautorin Sabine Schwiers erzählt für unsere Leser, wie Mogel, ein kleiner dicker Rabe, in die Fänge einer gewieften Verkäuferin gerät.

Es war ein wunderschöner Wintertag in Mönchengladbach. Und außerdem der 24. Dezember. Über Nacht war sogar Schnee gefallen, der die Felder und Dörfer ringsumher in ein strahlendes Weiß tauchte und die Bäume des Waldes in ein Festtagsgewand hüllte.

Mogel, der kleine dicke Rabe, saß hoch oben auf einer alten Eiche am Rande des Hardter-Waldes und blinzelte in den Sonnenschein. Dabei zermarterte er sich sein Rabenhirn. Was sollte er seinem lieben alten Freund Strupp schenken? Es war nun wirklich allerhöchste Zeit, dass ihm ewtas einfiel. Wie immer war er mit seinen Geschenken spät dran.

Er schreckte aus seinen Gedanken hoch, als Siggi der Specht neben ihm auf dem Ast landete. Er war völlig außer Atem. "Hallo Mogel!", rief er erfreut. "Lange nicht gesehen! Habe schon eine Riesentour hinter mir, Termine in Hardt, Holt, Hehn, Rheindahlen, Günhoven, Genhülsen und Windberg. Und ich muss noch weiter. Kaum zu glauben, dass in unseren Käffern so viel los ist an Heiligabend." "Hallo, Siggi, ist doch klar, dass bei uns immer was los ist, sogar im abgelegensten Nest", antwortete der Rabe. Dann fügte er hinzu: "Was gibt's denn Neues?"

Siggi war jemand, der immerzu über alle Neuigkeiten im Wald informiert war, denn er war sehr neugierig und ständig auf ein Schwätzchen aus. Deshalb gibt er auch ,Siggis Morgenpost' heraus, die Waldzeitung. Mogel hatte sie heute noch nicht gelesen. "Hast du schon gehört, dass Waltraut einen Laden eröffnet hat?" - "Sieh mal an, das Wildschwein hat einen Laden eröffnet", wiederholte Mogel verblüfft. "Na, wenn das mal gut geht!" "Wie meinst du das?", fragte Siggi. "Na ja, sie ist doch immer so aufdringlich. Das wird vielen auf den Keks gehen", meinte Mogel.

"Werden sehen, werden sehen", rief Siggi und erhob sich in die Lüfte. "Tut mir Leid, Mogel, aber ich muss weg. Habe noch weitere dringende Termine. Schau mal hinten um die Ecke, da hängt ein Schild!" - "Was denn für ein Schild?", fragte Mogel, doch Siggi war schon weg. Mogel war neugierig geworden. Er flog los — und wirklich. Da war ein Schild. Er wischte den Schnee fort und las: SONNENBRILLEN, BORSTENPINSEL; FARBEN UND MEHR-KAUFT BEI WALTRAUT, SIE FREUT SICH SEHR! Und darunter stand: WALTRAUTS KRAMLADEN — ICH BIN DOCH NICHT DOOF!

Und plötzlich wusste Mogel, was er Strupp schenken könnte. "Eine Sonnenbrille! Das ist die Idee! Wir zwei fliegen im Sommer in den Süden, da braucht Strupp eine Sonnenbrille. Und ich denke, was mir steht, steht ihm auch. Und außerdem bin ich nicht doof, also werde ich zu Waltraut gehen."

Zu Waltrauts Kramladen war es nicht weit. Er stand an einer kleinen Lichtung und wirkte sehr einladend. Viele Waldbewohner waren schon da und ließen sich von Waltraut beraten. Schließlich war Mogel an der Reihe. Waltraut begrüßte ihn stürmisch: "Mogel! Wie schön, dass du gekommen bist! Lass dich umarmen!" Sie packte ihn und drückte ihm einen schmatzenden Wildschweinkuss auf den Schnabel. Mogel wischte ihn trocken, sagte schüchtern: "Ich äh, ich brauche eine Sonnenbrille. Für Strupp zu Weihnachten." —

"Eine Sonnenbrille! Nichts leichter als das! Hier ist ein Modell, das ihm bestimmt gut stehen wird:" Ehe er "krah" sagen konnte, hatte er eine Brille auf dem Schnabel, die er absolut scheußlich fand. Sie war gelb und pink gestreift und mit schwarzen Totenköpfen gesprenkelt. doch bevor er protestieren konnte, grunzte Waltraut vor Vergnügen und rief aus: "Absolut cool!" — "Ich äh...", wollte Mogel einwenden, doch Waltraut fuhr fort: "Das ist der absolut letzte Schrei! Das Gelb passt sehr gut zu seinem Schnabel, und die Farbe Pink für Herren ist im Kommen!" — "Ich äh, ich finde die Brille nicht so schön, ich..."

Doch Mogel kam nicht weiter. "Das wird sehr viel gekauft", sagte Waltraut mit Nachdruck und fügte hinzu: "Und Strupp wird in Sachen Mode ein Vorbild für alle Waldbewohner sein." — "Die blaue da finde ich schöner, die steht..." — "Die blaue, nein!", rief Waltraut entsetzt aus. "Das ist Schnee von gestern! Wenn du ihn blamieren willst, nur zu."

Mogel gab auf. Waltraut musste sich ja damit auskennen, wenn sie Verkäuferin war. Das war schließlich ihr Job. "Ich bin doch nicht doof!", stand auf dem Schild. Er bezahlte die Brille, die recht teuer war. Waltraut freute sich über seine "kluge Entscheidung" und der Rabe flog nach Hause.

Doch als Strupp, sein großer dicker Rabenfreund mit dem abstehenden Gefieder am Abend sein Geschenk auspackte, stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. "Soll das ein Scherz sein, Mogel?", fragte er entgeistert. "Nein, durchaus nicht", erwiderte Mogel gekränkt. "Du kennst dich nur nicht aus. Das ist jetzt vollkommen modern." "Ich glaube eher, du bist vollkommen übergeschnappt", sagte Strupp. "Das ist in, glaub mir, für Herren kommt die Frabe pink, das sagte Waltraut, und die muss es doch wissen!", wehrte sich Mogel. "Sie ist immerhin Verkäuferin.

Auf ihrem Plakat steht: ,Waltrauts Kramladen — Ich bin doch nicht doof'." "Waltraut!", rief Strupp, "jetzt wird mir einiges klar! Die wollte nur das verkaufen, was sie nicht loswerden konnte, beschwatzt hat sie dich! Oder gefällt dir die Brille etwa?" — "Nein", gestand Mogel. "Ich habe nicht das gekauft, was ich schön fand." Und nach einer Weile fügte er hinzu: "Weißt du, Strupp, eigentlich kann man das, was auf dem Plakat steht, auch anders verstehen. ,Waltrauts Kramladen — ich bin doch nicht doof und geh da hin.' Doof ist, wer so eine blöde Werbung macht und doof ist, wer darauf, na ja... nach den Feiertagen tausch ich die Brille um, und dann geh ich da nie wieder hin.

Sabine Schwiers lebt mit ihrem Mann Stefan und den drei Kindern Christian, Anna und Matthias in Gerkerath.

(RP)