Holger B. in Mönchengladbach.: Darum ist dieser Spendenbetrug so mies

Angeblich krebskrankes Kind in Mönchengladbach : Darum ist dieser Spendenbetrug so mies

Die Polizei ermittelt weiter in Sachen Holger B., der mit seiner angeblich todkranken Tochter Spenden in fünfstelliger Höhe ergaunert haben soll. Viele gutgläubige, mitfühlende Menschen wurden betrogen. Aber der Fall richtete mehr an.

Eigentlich sollte der Erlös des Nettetaler Kindertages für die „todkranke“ Amelie gespendet werden. Kindern etwas Gutes tun - mit dieser Intention waren die Organisatoren auf Sponsorensuche gegangen. Doch eine Woche vor dem großen Tag bekamen die Veranstalter einen Brief, der alles änderte: Amelie, die angeblich in der Uniklinik Aachen auf eine 15.000 Euro teure Behandlung wartet, war dort nie Patientin. Das hatte ihr Vater Holger B., der unter Tränen zu Spenden für die Behandlung seiner kleinen Tochter aufgerufen hatte, aber immer behauptet. „Und das hat er wirklich glaubwürdig gemacht“, sagt Sheila Klaffke, Mitorganisatorin des Kindertages.

Die schwere Krankheit des kleinen Mädchens, die alternative Behandlung als einzige Heilungschance, die Tränen bei den Spendenaufrufen - dies alles stellte sich als Lug und Trug heraus. Das Mädchen war nie krank, das gesammelte Geld sollte nie für eine Behandlung ausgegeben werden. Holger B. kaufte sich dafür eine Drohne, ein Auto und angeblich auch ein Quad. Mehr als 20.000 Euro erhielt Holger B. Spenden. So viel ist auf jeden Fall bisher bei der Polizei bekannt. „Kindergärten sammelten ebenso für Amelie wie Bankunternehmen“, sagt Polizeisprecher Wolfgang Röthgens.

Viele, die spendeten, ärgern sich nicht nur über den verwerflichen Betrug, sie haben auch Urvertrauen verloren. Schock, Wut, Scham, Schuldgefühle. All das löste der ungeheuerliche Spendenbetrug aus. „Als uns das offizielle Schreiben aus der Uniklinik Aachen erreichte, waren wir gerade in der heißen Vorbereitungsphase, und eigentlich brauchten wir unsere Energie für andere Dinge“, sagt Sheila Klaffke. Nun mussten alle Sponsoren angeschrieben, und auch die Öffentlichkeit informiert werden.

„Die meisten hatten Verständnis, dass wir kurzfristig den Erlös-Empfänger änderten“, sagt Sheila Klaffke. Es habe aber auch Anfeindungen gegeben. Holger B. habe mit Verleumdungs- sowie Schadensersatzklage gedroht. Es soll noch mehr Drohungen gegeben haben.

Der Nettetaler Kindertag war trotz allem erfolgreich. Das Geld - immerhin fast 3000 Euro - ging an die Kinderonkologie-Abteilung der Uniklinik Aachen. „Man wird nun skeptischer, wenn man hört, dass jemand Hilfe braucht“, sagt Sheila Klaffke.

Doris S.* (Name geändert) hatte sich ebenfalls von dem vermeintlichen Schicksal Amelies berühren lassen. Sie spendete nicht nur selbst, sie rief auch Freunde und Bekannte auf, es ihr gleichzutun. „Ich kann nachts nicht mehr schlafen, weil durch mich jetzt Leute betrogen worden sind, die helfen wollten“, sagt sie. Ja, sie habe Holger B. anfangs geglaubt. „Er stand mit Tränen in den Augen vor uns und hat gesagt, dass er jetzt wieder nach Aachen fahre zu seiner kleinen Tochter“, berichtet sie. „Meine arme Mausi“ habe er Amelie genannt.

Irgendwann sah Doris S. auf Holger B.’s Profilseite, wie er mit seiner neuen Drohne geprahlt habe. Und dann noch das neue, teure Tattoo seiner Frau – „da habe ich gedacht: Mein Gott, in dieser Situation gibst du doch kein Geld für so etwas aus“.

Als die Gewissheit bestand, dass Amelie nicht krank und ihr Vater ein mutmaßlicher Betrüger ist, wollte Doris S. das gespendete Geld zurückholen – zumindest das ihrer Freunde und Bekannte. Als sie sich Rat bei einem Rechtsanwalt holte, kam der nächste Schock: „Möglicherweise muss ich jetzt beweisen, dass ich keine Mittäterin war, weil ich andere animiert habe, für Amelie zu spenden“, sagt sie.

Von der Polizei wurde Holger B. übrigens noch nicht verhört. Er soll in den Urlaub gefahren sein.

Mehr von RP ONLINE