Mönchengladbach: Hör-Genuss

Mönchengladbach: Hör-Genuss

Wer kann die Wahrheit nackend sehn? An seinem Solo-Abend las Generalintendant Michael Grosse im Studio des Theaters Fabeln - von Äsop bis Bertold Brecht.

Der Titel des Abends ist der letzten Zeile einer Geschichte von Magnus Gottfried Lichtwer entnommen. Die heißt "Die beraubte Fabel" und erzählt von Bösewichten, die die Göttin aller Dichter, die Fabel, überfallen. Da sie nichts Wertvolles in ihrem Beutel mit sich trägt, fordern die Diebe ihre Kleidung. Die Göttin entledigt sich eines Kleidungsstücks nach dem anderen, Schicht für Schicht, bis sie nackt da steht. Dann heißt es "Die Räuberschar sah vor sich nieder, und sprach: ,Geschehen ist geschehn, man gebe ihr die Kleider wieder. Wer kann die Wahrheit nackend sehn?'"

Einen wunderbaren Vorlese-Abend erlebten die Besucher im Studio des Theaters. Auf der Bühne wenig Mobiliar, spärliche Beleuchtung - und Generalintendant Michael Grosse. Mit seiner angenehm-klangvollen Stimme las er Fabeln von Äsop bis Bertold Brecht. Von dem antiken griechischen Dichter Äsop sind etliche Fabeln überliefert, in denen vornehmlich Tiere gegeneinander antreten: Da treffen das Lamm und der Wolf aufeinander, Pferd und Esel, Adler und Fuchs, Esel und Fuchs, Löwe und Esel, Löwe und Ziege, Wolf und Kranich, Rabe und Fuchs. Den Tieren sind bestimmte Charaktereigenschaften zugeordnet.

Es geht um Gier, um Neid, um Eitelkeiten. Wie im wirklichen Leben. Die kurzen Tierfabeln haben immer eine Moral. Die ist manchmal lustig, oft allzu schrecklich. Und immer sind die Wahrheiten, die ans Tageslicht kommen, auf Situationen übertragbar, die den Zuhörern bekannt vorkommen dürften. Indem die Fabel mit Tieren agiert, verlieren die angeprangerten Zu- oder Missstände ihre gesellschaftliche und politische Schärfe. Auf diese Weise schützten sich die Fabel-Dichter immer schon vor Zensur oder Verfolgung. Die Wahrheit auszusprechen, ohne einen einzigen Menschen direkt zu verletzten - das ist die Kunst der Fabel. Christian Fürchtegott Gellert hat es so ausgedrückt: Eine kurze und auf einen gewissen Gegenstand anspielende Erdichtung, die so eingerichtet ist, dass sie zugleich ergötzet und nutzet, nennt man eine Fabel.

75 Minuten lang ist es ganz still im Studio des Theaters. An manchen Stellen wird gelacht. Wenn der Tod ins Spiel kommt, wechselte die Beleuchtung. Blau und kühl ist der Scheinwerfer auf Michael Grosse gerichtet. Es wird ernst, weiß der Gast. Aber es überwiegen die fröhlichen Momente.

Fast ist es so wie früher, wenn Vater oder Mutter abends Geschichten vorlasen. Dieses angenehme Gefühl, nur zuhören zu dürfen - sonst nichts. Die Gewissheit, etwas Sinnvolles mit der eigenen Zeit anzufangen und am Ende etwas Wichtiges mit nach Hause zu nehmen. Und die Einsicht, dass das geschriebene und gesprochene Wort etwas durch und durch Wertvolles ist. Da muss es nicht wild zugehen auf der Bühne, es braucht keinerlei Effekte, keine lauten Töne. Das Wort - zumal in den meist sehr kurzen Fabeln - steht für sich.

Und wenn der Vorleser sein Metier so ausnehmend gut beherrscht wie der Generalintendant, wird's perfekt. Ein Hör-Genuss. Das ist es, was die Soloabende mit Michael Grosse so beliebt machen. Er hat seine Fans - das ist sicher.

(isch)