Mönchengladbach: Hip-Hop und Akrobatik gegen Gewalt

Mönchengladbach: Hip-Hop und Akrobatik gegen Gewalt

Ulrike Purrer leitet in Kolumbiens ärmster und gewalttätigster Region ein Jugendzentrum. Unterstützung erhält sie auch vom Niederrhein. Jetzt besuchte die Theologin ihre Heimatstadt und stellte ihr erfolgreiches Projekt vor.

Hat sie keine Angst, Opfer der Gewalt in Tumaco, der Stadt mit Kolumbiens höchster Mordrate, zu werden? Ulrike Purrer schüttelt den Kopf. "Ach wissen Sie", sagt sie. "Wenn ich immer über meine Sicherheit nachdenken würde, könnte ich nicht arbeiten." Aber ihr Status als weiße Ausländerin und Mitarbeiterin der katholischen Kirche schütze sie bis zu einem gewissen Maße. Die Theologin und Leiterin eines Jugendzentrums im pazifischen Urwaldgürtel Kolumbiens ist auf Heimaturlaub in Deutschland und zu Gast beim Verein Action pro Colombia, einer Solidaritätsinitiative von Christen im Bistum Aachen mit Sitz in Mönchengladbach.

Was Ulrike Purrer über Tumaco berichtet, ist erst einmal schockierend: Die Armut ist groß, die Arbeitslosigkeit bei 72 Prozent, der einzig florierende Wirtschaftszweig ist der Drogenhandel. Bewaffnete Gruppen kämpfen um ihren Anteil am Drogengeschäft. Gewalt und Tod sind ständige Begleiter der Jugendlichen, die in der Stadt am Pazifik aufwachsen. 98 Prozent der Bevölkerung ist schwarz - vermutlich der Grund, warum die Regierung kein Interesse an einer Verbesserung der Lebensbedingungen in dieser Region hat.

In dieser Gegend also, wo auf 100.000 Einwohner 246 Morde kommen (in Deutschland sind es 0,8) arbeitet Ulrike Purrer. In den vergangenen sechs Jahren hat sie das Jugendzentrum Centro Afro aufgebaut, mit viel Geduld und Ausdauer das Misstrauen der Bevölkerung überwunden und inzwischen auch verlässliche Mitarbeiterinnen gewonnen. Rund zweihundert Jugendliche kommen regelmäßig, noch sehr viel mehr unregelmäßig ins Centro Afro und erfahren zum ersten Mal Verlässlichkeit. "Wir haben immer geöffnet, von Montag bis Sonntag", sagt Purrer. Das Angebot eines geschützten Raumes, in dem Gewaltfreiheit und Respekt herrschen, hat die Jugendlichen nach und nach verändert. "Wir haben eine Hip-Hop-Gruppe, die jetzt ihre erste CD herausgebracht hat", erzählt sie. Einer der Hip-Hopper sei immer in Gefahr gewesen, in eine bewaffnete Gruppe zu wechseln. Jetzt schreibt er die Songtexte und geht einen anderen Weg.

Eine andere Gruppe hat Stelzenlauf und Akrobatik für sich entdeckt. "Sie waren immer chaotisch und aggressiv, jetzt ziehen sie auf Stelzen bei Friedensdemos oder am Rosenmontag vorneweg und werden dafür bewundert", sagt die charismatische Theologin, deren Optimismus ansteckend wirkt.

Noch einen ganz besonderen Fall kann sie schildern: Ein Mädchen aus Tumaco wird Kolumbien bei der Vorsynode der Jugend im Vatikan vertreten. "Noch nie durfte jemand von der Pazifikküste das Land bei einer solchen Veranstaltung vertreten", freut sich Purrer. Und jetzt fährt eine junge Afrokolumbianerin nach Rom. Dass die Jugendarbeit in Tumaco erfolgreich ist, ist der Hartnäckigkeit und Begeisterungsfähigkeit der deutschen Helferin zu verdanken, den Jugendlichen, die sich ihre Träume nicht nehmen lassen wollen und auch der finanziellen Unterstützung aus Deutschland. "Die Spenden aus Mönchengladbach sind ungeheuer wichtig für uns", bedankt sich Purrer. "Es ist für die Jugendlichen aber auch unersetzlich, zu wissen, dass am anderen Ende der Welt Menschen sind, die an sie glauben."

(RP)