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Mönchengladbach: Hilfe, wenn das Kind radikal wird

Mönchengladbach : Hilfe, wenn das Kind radikal wird

800 radikale religiöse, politische und esoterische Gruppen gibt es bundesweit. Immer mehr Jugendliche suchen dort eine Heimat. Im Katholischen Beratungszentrum gibt es Hilfestellung für Eltern, Schulen und Aussteigewillige.

Wenn der Sprössling plötzlich mit Glatze und Springerstiefeln auftaucht — oder mit Zauselbart und Häkelmützchen — dann wissen die Eltern, dass etwas gründlich schiefläuft. Kommunikation ist in der Regel von heute auf morgen nicht mehr möglich, die Angehörigen suchen Hilfe. Die finden sie im Katholischen Beratungszentrum an der Bettrather Straße. "Es gab Zeiten, da reichte es, wenn man einen Abtrünnigen mahnend ansah und sagte: Hör mal, das ist aber nicht katholisch", sagt Herbert Busch, Referent für Religion und Weltanschauungsfragen. "Damit kann man heute niemanden mehr bekehren."

Aus einer überschaubaren Zahl von Jugendsekten sind im Laufe weniger Jahre bundesweit 800 Gruppen entstanden. "Und die meisten davon sind problematisch", sagt Herbert Busch. Den enormen Zulauf zu religiösen, radikalpolitischen, psychokulturellen und esoterischen Gruppierungen erklärt er mit der Suche nach Liebe, Anerkennung und Integration. "In den neuen Kreisen sind sie plötzlich unter Brüdern", sagt Busch. "Das Leben wird plötzlich so einfach, es gibt in der Regel nur Schwarz und Weiß. Dieser vermeintliche Schutz ersetzt die Familie."

Manchmal jedoch nicht lange. "Manchen Aussteigern wird schnell klar, dass es in der Gruppe keine weitere Entwicklung gibt", sagt Herbert Busch. Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Selbstaufgabe — oder raus aus der Gruppe. "Die Selbstaufgabe kann so weit gehen, dass der eine oder andere plötzlich als Krieger in Syrien auftaucht oder sich als Selbstmordattentäter in die Luft sprengt." Der Ausstieg aus der Gruppe kann immens gefährlich sein. "An diesem Punkt bieten wir unsere aktive Hilfe und Unterstützung an."

Angehörige, aussteigewillige Konvertiten und Schulen bilden die Klientel der Beratungsstelle. "Es gibt Klassenstufen, da prallen beispielsweise Rechtsradikale und Salafisten aufeinander", sagt Busch. Er ist froh, wenn die Schulleitung sich an die Beratungsstelle wendet. Es werden Gespräche mit den Lehrern geführt, und die Eltern werden mit Informationen über die Gruppierungen versorgt, und die Mitarbeiter des Beratungszentrums gehen in die betroffenen Klassen. "Es ist sehr schwierig, mit den Radikalisierten umzugehen", sagt Herbert Busch. Es handle sich um hermetisch abgeschottete Systeme.

Dennoch werden die Berater des Zentrums nicht nachlassen in ihren Bemühungen. "Es handelt sich um ein gesellschaftliches Problem, auch die Kirche hat ihren Anteil daran." Die Frage sei grundsätzlicher Art: Was kann die Gesellschaft tun? Was können Politik und Verwaltung leisten. "Die Gesellschaft muss diesen radikalen Gruppen stark und kompromisslos gegenübertreten", sagt Busch. Es sei beispielsweise nicht einzusehen, warum diese "Feinde der Gesellschaft" Hartz IV und andere Unterstützungen beziehen. Busch fordert verstärktes Engagement in der Jugendarbeit mit ausreichendem Personal. "Diesen jungen Menschen müssen wir Sicherheit geben."

Kontakt Katholisches Beratungszentrum, Bettrather Straße 26, Telefonnummer: 02161 4951496, E-Mail-Adresse: brw-mg@bistum-aachen.de, Internetadresse: www.brw-mg.de

(RP)