Mensch Gladbach: Heute üben wir Willkommenskultur

Mensch Gladbach: Heute üben wir Willkommenskultur

Wer als Tourist anreist, kämpft sich erst durch den Schmuddelbahnhof und findet dann keine Information. Wer neu in die Stadt zieht, wird mit Gutscheinen für Müllbeutel begrüßt. Gastfreundschaft sieht anders aus.

Reisen bildet, heißt es ja so schön. Und offenbar gibt es immer mehr Menschen, die sich aus näheren oder ferneren Orten dieser Welt in unsere wunderbare Stadt bewegen. Jedenfalls wächst sowohl die Zahl der Einwohner - jedes Jahr um mehrere tausend - als auch die der Übernachtungen. Davon gab es 2017 mehr als 330.000. Die Übernachtungen sind ein wichtiger Indikator für Tourismus, und die wachsende Zahl ist erfreulich. Rein rechnerisch hätte jeder Mönchengladbacher 1,3 Nächte in einem der Hotels oder Pensionen der Stadt verbringen können. Das aber nur nebenbei.

Die interessante Botschaft ist: Auch jenseits der Stadtgrenzen fällt offenbar immer mehr Menschen auf, dass Mönchengladbach attraktiv und eine Reise, wenn nicht sogar einen Umzug wert ist. Zu Recht, wie wir wissen. Damit schmücken sich gerne die Verantwortlichen. Das führt aber offenbar nicht dazu, die Besucher und Neubürger auch entsprechend herzlich willkommen zu heißen.

Versetzen wir uns mal in die Rolle eines Touristen. Der hat im Internet gelesen, dass es ein ausgezeichnetes Museum für moderne Kunst gibt, ist neugierig auf die Stadt geworden und möchte hier ein paar Tage verbringen. Er kommt mit dem Zug, steigt aus und sieht? Nun, er ist der zeitgenössischen Kunst zugetan, vermutet hinter dem Schmuddel und Dreck zwischen Bahnsteigen und Ankunftshalle die Handschrift des Aktionskünstlers Joseph Beuys. In Wahrheit schreitet er durch einen der hässlichsten Hauptbahnhöfe Deutschlands, dessen Sanierung die Deutsche Bahn AG nun schon seit vielen Jahren vor sich herschiebt. Draußen trifft er auf einen Busbahnhof, der immerhin in den nächsten Jahren umgebaut werden soll. Bis dahin lässt sich das Ganze noch wohlwollend als Retro-Design verkaufen.

Von hier aus weiß der Besucher nicht mehr weiter, hält Ausschau nach einer Touristen-Information. Die ist in Großstädten üblich, selbst kleine Kommunen haben eine solche Anlaufstelle in zentraler Lage. Dort gibt es Stadtpläne, Übernachtungs- und Ausflugstipps, vor allem aber ein freundliches Lächeln und ein Willkommen. In Mönchengladbach? Fehlanzeige. Die FDP macht nun zum wiederholten Mal den sinnvollen Antrag, eine solche Stelle im bahnhofsnahen Vitus-Center zu eröffnen und sie mit digitalem Service anzureichern. Die regierende Ratsmehrheit aus CDU und SPD täte gut daran, dem zu folgen. Und wir fragen uns, weshalb die städtische Marketinggesellschaft nicht längst selbst auf diese simple Idee gekommen ist.

Neu zugezogen sind wir vor einigen Monaten selbst, meldeten uns ordentlich im Einwohnermeldeamt an, erhielten ein Willkommens-Package. Danke dafür noch mal! Das enthielt Gutscheine - fürs Schwimmbad und den Tiergarten. Vor allem aber für die Gelben Säcke. Mit denen kann man dann an ausgewiesenen Stellen entsprechende Rollen abholen. Wer jetzt lacht, lebt nicht in MG. Gelbe Säcke werden hier nämlich wie Gold gehandelt. Aber das ist ein anderes Thema.

Man will Touristen anziehen, hat aber keine Touristen-Information. Man wirbt um Menschen, die in die neuen Wohngebiete Mönchengladbachs ziehen sollen und begrüßt sie mit Müllbeutel-Gutscheinen.

Ist der Tisch erst mal gedeckt, finden sich auch Gäste, sagt ein jüdisches Sprichwort. Es ist Zeit, den Tisch zu decken. In diesem Sinne: Ein gastfreundliches Wochenende!

(dr)