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Mönchengladbach: Hagen Rether: Der Radikale unter den Comedians

Mönchengladbach : Hagen Rether: Der Radikale unter den Comedians

Wer einen Abend mit Hagen Rether verbringen möchte, muss sich auf einiges gefasst machen. Nicht auf Mätzchen, auch nicht auf zu gefällige Strapazen für die Lachmuskeln. Das ist bekannt, und das bewies er wieder eindrucksvoll den rund 800 Menschen, die sich im Kunstwerk Wickrath versammelt hatten, um sich einen Spiegel vorhalten zu lassen. Kaum jemand allerdings dürfte damit gerechnet haben, dass es so spät wird. Bis weit nach Mitternacht nahm sich Rether Zeit, und gegen Ende stand durchaus die Frage im Raum, was unhöflicher ist. Das Publikum, das tröpfchenweise davon schleicht. Oder der Akteur, der vorne sitzend den Bogen derart überspannt, dass so mancher aufgibt und sich dazu veranlasst sieht, Aufsteher und Weggeher zu werden. Rether lässt kein Thema aus, das braucht zugegeben Zeit. Dafür liebt man ihn, dafür gab es tosenden Applaus. Wenn er über fatale globale Zusammenhänge referiert, über USA, Europa, Banken und Geld, herrscht bedächtige Stille. Zu Recht, denn man muss ihm aufmerksam folgen, um mitzukommen. Insbesondere, wenn er tiefer schürft. Monsanto bombardieren lassen, Boykott von Nestlé und Ferrero, Pius- und Muslimbrüder auf eine Costa-Concordia-Kreuzfahrt schicken, Verständnis für Selbstmordattentäter und Zoophilie - das sind nur wenige der Stinkbomben, die er nonchalant wirft. Auch harter Tobak, wenn er Unzulänglichkeiten unserer Gesellschaft als Symptome viel größerer Problematiken zu entlarven hofft. Oder missionarisch für vegane Lebensweise und gegen Kirche predigt.

Sein Programm heißt immer noch Liebe und mit jenen obligatorischen Utensilien - Bananen, Putzzeug - sitzt er nach wie vor da, im lässigen Anzug, in seinem grauen Bürostuhl. Der Amnesty International-Stand übrigens ist ebenfalls schon obligatorisch. Allerdings, wenn man ihn ganz entspannt am Flügel sitzen sieht, ahnt man wirklich nicht, wie radikal es werden wird. Radikal ethisch? Viel mehr meta-kabarettistisch. Mal beiläufig daher plaudernd, mal lakonisch, mal fast naiv wirkend. Er ist gegen so vieles: Zorn, Spießigkeit, Dumpfsinn. Er wettert gegen das Hamsterrad, in dem sich alle und jeder befände. Auch unsere Kinder. Er schimpft nicht auf die da oben, vielmehr auf uns alle, die nichts ändern, obwohl es doch jetzt an der Zeit wäre. Hagen Rether will den Michel aufwecken, mit weicher Stimme, um ihn dann dessen eigene Exkremente unter die Nase zu halten. Es wird unappetitlich - aber so ist eben die Welt, denkt er sich. Übrigens: Der Flügel wird nur sporadisch bespielt. War er früher schöngeistiger?

(RP)