Mönchengladbach: Groko sorgt für Zwiespalt bei den Jusos

Mönchengladbach: Groko sorgt für Zwiespalt bei den Jusos

Josephine Gauselmann (23) ist gegen eine Große Koalition und "zweifelt an der Tante SPD". Dennis Stinshoff (28) will eine Zusammenarbeit mit CDU/CSU, weil die Koalitionsverhandlungen für die SPD "ein großer Erfolg sind".

Wenn am Freitag die Befragung von rund 463.000 SPD-Mitgliedern zum Eintritt in eine Große Koalition endet, sind ihre Stimmen dabei: Josephine Gauselmann (23) sagt "Nein" zur Groko im Bund, Dennis Stinshoff (28) sagt "Ja". Sie sind Jusos. An ihrem Beispiel wird deutlich, dass es bei den jungen Gladbacher Sozialdemokraten Anhänger von beiden Positionen gibt, auch wenn die Zahl der Groko-Gegner vermutlich in der Mehrheit ist. "Wir brauchen wieder eine Regierung, die einen Plan hat. Es gibt so viele Krisensituationen in der Welt. Da ist Deutschland als Stabilitätsfaktor in Europa wichtig. Außerdem hat die SPD viel bei den Verhandlungen erreicht", sagt Befürworter Stinshoff. Bei Gegnerin Gauselmann klingt das anders. "Ich bin grundsätzlich gegen diese Koalition, weil wir uns nach der Wahl klar dagegen ausgesprochen haben. Es gibt außerdem mehrere inhaltliche Schwachpunkte im Koalitionsvertrag. Die von ihr geforderte Bürgerversicherung hat die SPD zum Beispiel ad acta gelegt. Und bei der Regelung zum Familiennachzug für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus herrschen im Vertrag doch national-konservative Wertvorstellungen vor", sagt Josephine Gauselmann.

Foto: Reichartz Hans-Peter

Die 23-Jährige, die Geschichte und Politikwissenschaften an der Uni Düsseldorf studiert, gilt als Hoffnungsträgerin der Gladbacher Sozialdemokraten. Sie ist seit 2010 in der Partei, Juso-Vorsitzende und stellvertretende SPD-Chefin in der Stadt. Sie hat sich früh gegen ein Bündnis mit CDU/CSU positioniert - so wie ihre Partei ursprünglich auch. "Wenn ich nicht verstehe, warum man nach den früheren klaren Aussagen des Parteivorstands gegen eine Koalition am Ende doch dafür ist, wie soll ich das dann Außenstehenden erklären?", fragt Gauselmann. Und sie bekennt, dass sie wegen des Schwenks "frustriert" sei.

Sie kritisiert das "Gefälle zwischen Parteivorstand und Basis" und klagt, dass der Parteivorstand die Stimmungslage bei den Genossen offenbar nicht mehr richtig wahrnimmt. "Da hat man doch keine Lust mehr, sich auf die Straße zu stellen und für die SPD zu werben", sagt Gauselmann. Daraus resultiere eine große Unzufriedenheit - auch bei ihr selbst: "Die alte Tante lässt mich gerade etwas zweifeln." Gladbachs Juso-Chefin will, dass sich ihre Partei in der Opposition erneuert, weil das dann "besser und radikaler" gelingen kann: "Wir haben verkrustete Strukturen, die aufgebrochen werden müssen. Wir brauchen mobile Angebote der Beteiligung, damit Parteimitglieder direkt aktiv werden können. Stattdessen muss man sich heute immer erst lange den Respekt erarbeiten und mühsam ausloten, welches Parteigremium was zu sagen hat. Da geht viel Reformwillen und Idealismus verloren." Hoffnung gebe ihr unter anderem, dass die Partei Leute wie den Juso-Bundesvorsitzenden Kevin Kühnert habe, der klare Kante zeigen würde: "Das brauchen wir!"

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Und was ist, wenn die SPD am Sonntag ein Ergebnis mit einer Mehrheit für eine Große Koalition verkündet? Gauselmann: "Das wäre ausgerechnet an meinem Geburtstag. Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten werde. Das hängt von der Performance der SPD danach ab."

Dennis Stinshoff ist seit dem vergangenen Jahr SPD-Mitglied, nachdem er vorher als Juso in den Mitgliederlisten registriert war. "Ich stamme aus einer Familie, die immer sehr sozialdemokratisch geprägt war. Und auch ich identifiziere mich mit den Zielen der Sozialdemokratie. Soziale Gerechtigkeit ist und bleibt für mich ein wichtiges Thema", sagt er. Stinshoff ist Bankkaufmann, hat Jura studiert und das erste Staatsexamen. Die vergangenen Monate waren für ihn als SPD-Mann nicht leicht, aber Zweifel an seiner Mitgliedschaft hegte er nie: "Da gab's eine Umfrage nach der anderen, und die SPD wurde immer schlechter." Das sei eine typische mediale Entwicklung gewesen, auf die SPD sei "eingeprügelt" worden. Von den Versäumnissen und Wortbrüchen von CDU/CSU sei dagegen überhaupt nicht mehr die Rede gewesen.

Stinshoff verklärt die Situation aber auch nicht. Dass der Eindruck entstanden war, dass es bei der SPD zwischenzeitlich chaotisch zugegangen ist, sei auch auf viele "unglückliche Aussagen von Martin Schulz und dem Führungsteam" zurückzuführen gewesen. Die Ergebnisse der Sondierung hätten ihn auch nicht überzeugt: "Die fand ich schwammig." Anders sei das, was bei den Koalitionsverhandlungen herausgekommen sei. "Natürlich ist das Ergebnis ein Kompromiss. Aber die SPD hat viel durchgesetzt. Dass Schlüsselministerien an die Sozialdemokraten gehen sollen, ist doch ein großer Erfolg." Die Juso-Kampagne gegen eine Große Koalition hält er für bedenklich: "Man kann doch nicht sagen: ,Tretet ein, um Nein zu sagen!' Das wirkt auf mich trotzig." Stinshoff fordert einen Erneuerungsprozess der SPD, der in der Regierungsverantwortung erfolgen sollte. Auch wenn die Positionen von Gauselmann und Stinshoff zur Großen Koalition konträr sind, einig sind sie sich, dass sich die Sozialdemokraten personell neu aufstellen müssen. Stinshoff: "Wir brauchen mehr jüngere Politiker und mehr Frauen an der Spitze. Und wir brauchen zum Beispiel in der geplanten Renten-Kommission jüngere Menschen, die da mitreden. Denn es geht um uns Junge, die das bezahlen müssen."

(biber)
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