Mönchengladbach: Grenzenlos nachtaktiv zur siebten Kulturnacht

Mönchengladbach: Grenzenlos nachtaktiv zur siebten Kulturnacht

Tief im Tunnel durchbrachen Satzfragmente das Dunkel. Im Rathaushof standen Brautpaare Schlange. Es war eine bunte Nacht.

Unheimliche Finsternis umfängt den Besucher beim Abstieg in die Unterwelt von Rheydt. Aber nein! Das Auge gewöhnt sich an das Dunkel, lernt Graunuancen zu unterscheiden, und doch ist es kein leichter Weg über sich scheinbar im Nichts auflösenden Stufen hinab in den tiefen Tunnel, der ja eigentlich das Parkhaus unter dem Marktplatz ist. Im urbanen Untergeschoss erschallt ein verwirrendes Miteinander von geschichteten Satzfragmenten und realen Rufen. Audiodesigner Christoph Baringo Wassenberg, Poetry DJ und Sound Tüftler DJ Key und Poet Marco Jonas Jahn haben die pragmatisch schlichte Umgebung verwandelt in einen Klang-raum, wo der Besucher in der Sinfonie der Stimmen und Geräusche mit etwas Glück sich selbst wiederfindet. Ein Mann horcht auf, erkennt den Spruch, den er beim Eingang in ein bereit gehaltenes Mikrofon gesprochen hat. Beim Lesen hat sich ein Klangspiel ergeben mit den Worten "High" und "Hai". Hier und da tanzen in der Unterwelt verspielte Seifenblasen, die sparsam Lichtpunkte reflektieren. Am Ende des Tunnels schimmert Licht durch die Ritzen der aufgehängten schwarzen Tücher. Dahinter entfaltet sich die Parkebene wieder in gewohnter Nüchternheit. Der Weg nach oben ist nun leicht, und doch bleiben die meisten stehen, blicken zurück, um noch einmal den Eindruck nachwirken zu lassen.

Das Hate-Speech-Team MG trug einen Mix aus zeitgenössischen Beschimpfungen vor. Foto: Ilgner Detlef

Dann geht es weiter. Denn mit 161 Programmpunkten an 43 Orten in vier Quartieren bietet die siebte Kulturnacht eine Fülle, die nicht in Gänze zu schaffen ist. Glücklicherweise werden verschiedene Programmpunkte wiederholt angeboten, so dass sich die Zahl der Aufführungen von Tanz, Theater, Performance, Slam und Kunst auf 309 addiert. Davon will das Gros der Nachtwanderer möglichst viel erleben. Und so ziehen sie oft in Gruppen oder paarweise durch die Quartiere Rheydt, Eicken/City, Abteiberg und Altstadt, am Arm das Eintrittsbändchen und in der Hand das umfangreiche Programm als Wegweiser. Südliche Temperaturen runden die ereignisreiche Nacht auf angenehme Weise ab. Das Thema lautet "Grenzöffnung" und ist in der prallen Fülle vielfältig interpretiert.

In der Kulturküche war der Andrang so groß, dass die Stühle komplett entfernt wurden, und das Publikum auf dem Boden Platz nahm. Foto: Ilgner Detlef

Die Theaterfabrik Düsseldorf bespielt gleich das gesamte Quartier Eicken/City an verschiedenen Orten. Das BIS-Zentrum ist im Quartier einer von sechs etablierten Aufführungsorten mit nahtlos aneinandergereihten Darbietungen. In interaktiver Choreographie verknüpfen Constanze Schulte und Anna-Carolin Weber virtuelle und reale Welten. Sie laden ein in ihr "sphärisches Bewegungslabor", eine interaktive Choreographie unter dem Titel "sketchmydance". Mit feiner Ironie moderieren die Tänzerinnen ihren Part, ehe sie eintauchen in eine analoge Choreographie. Die hat etwas Futuristisches mit synchronen und versetzten Bewegungen. Die Körper scheinen zu Skulpturen zu wachsen, um sich wieder zu lösen. Aus dem Publikum hat sich Jan freiwillig als Controller für den virtuellen Part gemeldet. Dank einer speziellen Brille sieht und dirigiert er Farbwelten, die dem Zuschauer zunächst verborgen bleiben. Dabei scheinen Jans Gesten zuweilen auf geheimnisvolle Weise mit der für ihn unsichtbaren Choreographie der Tänzerinnen zu korrespondieren. Auf die rückwärtige Leinwand der Bühne projiziert, werden schließlich die Farbwelten für alle sichtbar, und so erhascht dann doch ein jeder Einblick in die virtuelle Welt, wenn auch nur in deren zweidimensionale Ebene.

Ausgefeilte Choreographien gab es im BIS-Zentrum zu sehen. In einen virtuellen Teil wurden Besucher mit einbezogen. Foto: Ilgner Detlef

Eingebettet in die Sammlung des Museums Abteiberg kommt es zur Begegnung mit sprachlichen Ergüssen aus sozialen Medien. Das Hate-Speech-Team MG hat dafür eifrig gesammelt und sich auf einen Re-Mix zeitgenössischer Beschimpfungen auf Mönchengladbach konzentriert. Zum Auftritt finden zusammen Ratsherr Dieter Breymann, Kulturbüroleiter Thomas Hoeps, Stadionsprecher Torsten Knippertz und RP-Redakteurin Inge Schnettler, ein jeder auf seine Art verbunden mit Kunst und Kultur in der Stadt. In markigen Rufen steigen sie ein ins Thema. "Ruhe jetzt. Schnauze. Klappe" heißt es da, und Schnettler fügt ein beleidigtes "Ich sag dazu nichts" hinzu. Die vier sind also angekommen in der Welt der Hasskommentare. Sie spielen sich witzig lautstark die Bälle zu oder sprechen im Chor. Breymann entlädt genüsslich provokant über Facebook und Leserbriefe veröffentliche Beschimpfungen auf die Politikerklasse. Als Top drei und vier arbeitet das Quartett den "Schlag ins Genick von Rheydt" ab. Der Eskalationswettbewerb lokaler Hass-Sprüche wird getoppt durch den Vorschlag für eine neue Stadt ohne Minto, aber mit Affenfelsen.

Die über die Waldhausener Straße gespannten nostalgischen Lampenschirme tauchen die laue Sommernacht in ein warmes Licht. Foto: Detlef Ilgner
  • Heiligenhaus : 150 Lichtpunkte tanzen auf dem Basildonplatz

Harmonie pur herrscht beim Honey Moon im Hof des Rathauses. Hier stehen die Heiratswilligen Schlange, um für eine Nacht vermählt zu werden. Michael Ophelders, Ensemblemitglied des Stadttheaters, erfüllt mit schalkhaftem Ernst den Dienst des Standesbeamten. Brautschleier und -strauß sowie Zylinder liegen bereit. Zur Doppelhochzeit taumeln Philipp und Verena sowie Kerstin und Karl im fliegenden Wechsel zwischen dem Status Hochzeitler und Trauzeugen. Beide Bräute werden nach vollzogener Trauung in der bereit stehenden Hochzeitsschubkarre mit scheppernden Blechbüchsen in die Flittersekunden kutschiert. Bei diesem Special "Verheiratet für eine Nacht" ließen sich aber auch vier Paare "richtig" vom Standesbeamten trauen. Und bei der Eheschließung für eine Nacht waren es am Ende 50 Paare. Eine tolle und spaßige Leistung des Wedding-Teams um den Aktionskünstler Norbert Krause.

In der Kulturküche an der Waldhausener Straße sind die Stühle komplett ausgeräumt, um dem Andrang gewachsen zu sein. Die meisten Besucher nehmen es als Einladung zum Schneidersitz auf dem Fußboden. Miriam Moczko singt hier bevorzugt im warm klingendem Ton mit weichen Höhen, emotional oder sachte versonnen. Die Sängerin spielt die Bratsche klassisch mit dem Bogen, zupft die Saiten aber ebenso unkonventionell, fern ab vom bekannten Pizzicato. In Echtzeit nimmt sie Spiel und Gesang auf, schichtet Klangebenen über Loops.

Beim Weg zurück von der Kulturküche ins Zentrum spenden die über die Straße gespannten nostalgischen Lampenschirme warmes Licht zum Flanieren und Entdecken der Ereignisse rechts und links des Weges. Die City-Kirche ist nicht nur Veranstaltungsort, sondern auch von außen angestrahlt, während im Laub der Bäume Lichter tanzen. Hier haben die RaumZeitPiraten Tobias Daemgen, Jan Ehlen und Moritz Ellerich ihre Spur gelegt. Ein weiteres Licht- und Schattenspiel zaubert ein großflächiges Rasterspiel mit wabernd zellengleichem Gebilde auf die Wand des Eckhauses am Kapuzinerplatz. Auf der Mitte des Platzes steht ihr aus Flächen gefügtes Zelt. Nur halb verbirgt es im Inneren eine Installation aus zierlichen Gläsern, Leuchtbirnen und geringelten Kabeln, die ein nostalgisches Laboratorium assoziieren. Das ist schon für sich erstaunlich. Die RaumZeitPiraten verwandeln das kuriose Sammelsurium in ein unendlich filigranes Mobile im Schattenreich.

(RP)