Mönchengladbach: Goethes Faust - mal so gesehen

Mönchengladbach : Goethes Faust - mal so gesehen

Der alte Goethe war ganz schön versaut. Das hat Viktor Nono festgestellt, als er den "Faust" Seite für Seite las und künstlerisch bearbeitete. Und so geschah es, dass seine farbigen Zeichnungen bisweilen hocherotisch daherkommen.

Satte 36 Jahre hat Johann Wolfgang von Goethe an seinem "Faust I" gearbeitet. 21 war er, als er mit dem Werk begann, mit 57 hatte er es endlich - nach ungezählten Überarbeitungen - fertig. So lange hat Viktor Nono für seine künstlerische Bearbeitung des gewichtigen Stücks deutscher Kultur nicht gebraucht: "Ich war nach sechs Monaten fertig." Er hat den Faust gelesen - 136 Seiten, und zwar Wort für Wort. Und er hat auf jede Textseite auf seine Art reagiert - indem er sie bemalte. Weil er jeweils die Vorder- und Rückseite bearbeitete, mussten zwei Ausgaben des Klassikers her. "Mir geht es nicht um ein bebilderndes Werk, sondern um ein interpretierendes", sagt Viktor Nono. Das Resultat seiner künstlerischen Beschäftigung mit dem Faust ist jetzt als schöner Bildband vom Diotima Verlag herausgebracht worden.

Noch wenden sie sich den Rücken zu - um sich gleich in den Armen zu liegen. Foto: Viktor Nono

Sicher - Viktor Nono kannte als gebildeter Mensch den Faust. Aber die Beschäftigung mit dem Text in der Absicht, jede Seite zu interpretieren, erforderte das erneute gründliche Studium. "Der alte Goethe war ganz schön versaut": Das ist eine seiner Erkenntnisse. "Kein Wunder, dass der Faust erst ab 16 Jahren freigegeben wurde." Gestört hat's den Künstler nicht. Schwelgt er doch in der erotischen Darstellung von Mann und Frau, die er auf die Texte legt und dort agieren lässt. Etwa auf der Originalseite 57, wo es heißt: "So wird's euch an der Weisheit Brüsten mit jedem Tage mehr gelüsten". Viktor Nono setzt die Worte in eine durchaus erotische innige Umarmung zweier Menschen. Den Text "Wenn sich zwei lieben sollen, braucht man sie nur zu scheiden" belegt er mit der Grafik eines Mannes und einer Frau, die Rücken an Rücken verharren - um sich womöglich innerhalb kürzester Zeit in den Armen zu liegen.

"Und leg den Schmuck hier heimlich an": So heißt es bei Goethe. Viktor Nono inspiriert der Text zu diesem formschönen Akt. Foto: Viktor Nono "Zwei Seelen"

Auch schriftliche Statements hinterlässt Viktor Nono auf den Seiten. "Du unterzeichnest dich mit einem Tröpfchen Blut", heißt es im Faust. Nono zeichnet eine Schreibfeder und schreibt fein säuberlich "Faust" in roter Farbe dazu. Und einen Scherz konnte (und wollte) er sich nicht verkneifen: Das Inhaltsverzeichnis markiert Nono mit einer linken und einer rechten Faust. Beide knallrot.

Foto: V. Nono

"Wenn man so etwas vorhat, muss man den Text auch schon mal gegen den Strich lesen", sagt der Künstler, der sich auch als Autor einen Namen gemacht hat. Szenen, die ihm beim flüchtigen Lesen nicht aufgefallen wären, pointiert er mit seiner Übermalung. Das hat er vor Jahren auch schon mit dem 880 Seiten starken Jahrhundertwerk "Ulysses" von James Joyce getan. Seite für Seite hat er auch dieses Buch gelesen und Seite für Seite nach der Lektüre herausgetrennt. Um sie dann mit diversen Materialien zu bearbeiten: Mit dem Pinsel trug er Öle und Wasserfarben auf, Bitumen wurde mit dem Spachtel verteilt und durch Ritzungen grafisch strukturiert. Beim Ulysses war es jede rechte Seite, die Viktor Nono bemalte. Und was ist als nächstes dran? Sein Lieblingsbuch - Moby Dick.

(RP)