Gerkerath: Glocke vom Bett aus geläutet

Gerkerath : Glocke vom Bett aus geläutet

Eine Straße mit dem Namen "Nasse Sau" gibt es nicht mehr in Gerkerath, und auch die Landwirtschaft spielt für die Dorfgemeinschaft im Rheindahlener Land keine große Rolle mehr. Doch gern rattern Bewohner mit aufgemotzten Traktoren durch den 600 Jahre alten Ort.

Gerkerath Es klingt nach Tierquälerei. Doch so war das nun einmal früher im Dorf: Da trampelten die Gerkerather immer wieder auf der nassen Sau herum. Sie hüpften, fuhren, rannten und gingen auf dem armen Schwein umher. Aber wie gesagt, es klingt nur nach Tierquälerei. Denn die nasse Sau war ja in Wirklichkeit kein quiekender Dorfbewohner mit rosa Nase, sondern eine Straße.

"Die hieß 'Zur nassen Sau'", berichtet Heike Pötter. Warum das so war? Da kann die Gerkeratherin nur mit den Achseln zucken. Aber Paul Randerath weiß dazu etwas: "Der Abwassergraben neben dem Weg war die Naate Sou", erzählt er. Irgendwann entwickelte sich die Bezeichnung für den nassen Graben dann zum Straßennamen weiter.

Holländische Soldaten im Quartier

Heute gibt es sie nicht mehr, an des Schweinchens Stelle stehen nun Gebäude mit ebenso erklärungsbedürftigen Namen: die "Holländer-Häuser". "Das waren Blocks, in denen Soldaten der niederländischen Armee gewohnt haben", sagt Randerath. In den 1980er Jahren zogen sie ab, und Gerkerather wie Heike Pötter übernahmen die Bauten, die immer noch Holländer-Häuser genannt werden.

Auch ihrem kleinen Gotteshaus haben die Dörfler, die sich auf rund 300 Haushalte verteilen, einen Namen gegeben: St.-Johannes-Kapelle. Seit 1850 steht der Steinbau im Ortszentrum. Derzeit plant der Kapellenbauverein, den Vorplatz mit Bänken und einem Kreuz neu zu gestalten. Vorher befand sich dort ab etwa 1800 eine Andachtsstätte aus Holz, "der Eremiten-Bruder Josef hat früher die Glocke geläutet", erzählt Paul Randerath.

Dieser Josef habe neben der Kapelle gewohnt. "Als er altersschwach geworden war, leitete er von der Glocke aus einen Draht durch sein Schlafzimmerfenster und läutete im Bett liegend", weiß Randerath. In jüngeren Jahren hatte Josef auch noch anderes zu tun, außer sich um die Kapelle zu kümmern: So hielt er den Garten des Schulhauses in Schuss und unterrichtete die Kinder.

Gleich drei Schulgebäude nacheinander hat Gerkerath in seiner mindestens 600-jährigen Geschichte vorzuweisen, 1401 wird der Ort erstmals urkundlich erwähnt. "Damals wurde einem Bürger namens Schrievers das Durchgangsrecht durch Gerkerath eingeräumt", erzählt Paul Randerath. "Das Dorf gab es aber bestimmt schon um 800 oder 1000", vermutet er. In dieser Zeit soll sich der Bauer Gerrich oder Gerrikus dort mit seiner Familie angesiedelt haben.

Ein Bauerndorf ist Gerkerath längst nicht mehr, auch die alte Gerkerather Mühle gehört nicht mehr zum Dorfbild: "Früher hatte sie hier die Hausnummer 1, jetzt zählt sie zu Rheindahlen", sagt Randerath. Heute gebe es nur noch zwei Landwirte. Dafür knattern regelmäßig alte Traktoren durch den Ort, die ein paar Einwohner wieder auf Vordermann gebracht haben.

"Die Bulldoggs standen teils jahrelang hier in Scheunen herum", erzählt Herbert Thevissen. Natürlich sei es laut, wenn sie durch den Ort fahren — "aber manchmal ist es im Dorf so still, dass wir froh über Geräusche sind", ergänzt er lachend.

(RP)
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