Mönchengladbach: Geschichte im Tanzsaal nacherleben

Mönchengladbach : Geschichte im Tanzsaal nacherleben

Nach einer Idee des Kulturwissenschaftlers Steffen Mensching (58) wird derzeit am Theater Mönchengladbach ein außergewöhnliches Stück erarbeitet. In "Das Ballhaus" tanzen die Schauspieler, statt zu sprechen. Ein Experiment.

Mit dem Tango fängt es an. Mit jenem Tanz, der ab 1900 aus den verrauchten Kaschemmen von Buenos Aires und längs des Rio de la Plata nach Nordamerika und Europa exportiert wird. "Es gibt kaum einen anderen Tanz, der so stark von Klischees behaftet ist", sagt Ralph Frey. Der 50-jährige Tanzpädagoge und Choreograf aus Mannheim fasst das in einem frivolen Klischee so zusammen: "Tango ist der vertikale Ausdruck einer horizontalen Leidenschaft." Eben jener ursprüngliche Tango, den später der Argentinier Astor Piazzolla mit jazzigen Finessen so veredelte, bis er auch den etwas verkopfteren Europäern ins Tanzschul-Konzept passte.

Der Tango also wird in dem Stück "Das Ballhaus" das erste Jahrzehnt deutscher Geschichte nach 1900 spiegeln, bis zum Ersten Weltkrieg. Denn das ist das Konzept dieser von dem Kulturwissenschaftler Steffen Mensching (58), Intendant am Theater im thüringischen Rudolstadt, gestalteten außergewöhnlichen Revue, die am 25. Januar, 19.30 Uhr, ihre Premiere am Theater Mönchengladbach feiern wird. "Das Ballhaus, der Tanzsaal bietet einen bewegten Bilderbogen durch 100 Jahre deutscher Geschichte", erläutert Dramaturgin Barbara Kastner. Die filmische Vorlage dazu fand Mensching in Ettore Scolas Kinowerk "Le Bal - der Tanzpalast". Ohne Worte wird darin das Frankreich des 20. Jahrhunderts erfasst.

Dieses Prinzip wird nun nach Deutschland übertragen. Das noch existierende, 1913 eröffnete Tanzlokal "Clärchens Ballhaus" in Berlin-Mitte hat zur Wahl des Titels der Produktion inspiriert. In Tanzszenen, bei denen keine ausgebildeten Balletttänzer agieren, sondern Schauspieler, werden in jahrzehntweise aufgeteilten Tanzkapiteln Tendenzen und Merkpunkte der deutschen Geschichte vorgeführt. "Wie in einem Stummfilm", erläutert Kastner. Denn die Schauspieler tun eines dabei gar nicht: sprechen. "Es ist ein Stück ohne Worte, aber ganz sicher hoch spannend", verspricht die Dramaturgin.

Aus Mannheim ist der Choreograf Ralph Frey (50) nach Rheydt gekommen. Er richtet die Tänze für "Das Ballhaus" ein. Zuvor hatte er unter anderem bei dem beliebten Musical "Black Rider" mitgewirkt. Foto: Ilgner

Tänzerisch besonders ergiebig ist für das Regieteam das verlängerte Jahrzehnt der Weimarer Republik. Da gibt es den "Schieber" in den Großstädten, eine schlichte, derbe Tanzform, die der verarmten Industriearbeiterschicht Ventile zur Selbsterfahrung verschaffte. "Der Schieber ist brutal einfach und brutal anstandslos", sagt Ralph Frey. Und lässt die einlinige Bewegungsform flugs von dem Schauspielerpaar Adrian Linke und Helen Wendt bei der "Ballhaus"-Matinee im Café Linol vorführen. In England und Amerika kristallisierte sich derweil die Variante One-Step heraus.

Den Bestandstänzen im mittleren und westlichen Europa mit Walzer, Polka und Mazurka gesellen sich amerikanische Modetänze wie Foxtrot, Shimmy und Charleston hinzu. Josephine Baker war einer der Charleston-Stars, die mit wackelnden Hüften, rudernden Armen, keck zur Seite auskeilendem Beinschwung und die Handflächen wie Fächer schüttelnd Furore auf den Tanzböden machte.

Doch die wilde, aufbrandende Lebensfreude war stets gefährdet. Die Menschen erlebten auf dem Weg zum Tanzsaal Schießereien auf den Straßen, wo Gruppierungen unterschiedlichster Polit-Couleur mit der Republik und der ungefestigten jungen Demokratie nichts anfangen konnten. Das war lebensgefährlich. Angefacht wurden die gesellschaftlichen Spannungen durch Massenarbeitslosigkeit und galoppierende Geldentwertung. Der Historiker Wolfgang Schivelbusch hat dazu festgehalten: "Haltlos die Währung, haltlos der Tanz". Hinzu kam eine kräftige Prise "Jazz-Delirium".

An den Kostümen, welche die Schauspieler beständig aus- und anziehen müssen, soll das betreffende Tanz-Jahrzehnt identifizierbar sein, aber auch an Verhaltensmustern, die in den 1920ern mit Zigarettenspitze und Sektkelch, in den 1950ern und 60ern mit wirbelnden Pettycoats und Schlaghosen bebildert werden. "Wir versuchen, jedes Jahrzehnt zu typisieren", sagt Kostümbildnerin Yvonne Forster.

"Die Schauspieler haben die Zeit, die sie nicht in das Textlernen stecken mussten, in einen Tanzkurs investiert", verrät Barbara Kastner. Doch nie soll der Tanz Selbstzweck sein, etwa wie im Ballett, sondern Auskunft über Empfindungen und gesellschaftliche Trends geben.

Johanna Burkhart hat einen klassischen Ballsaal geschaffen. "Dazu gehört eine Tanzfläche, eine Bar, Auftrittssituationen auf verschiedenen Ebenen", sagt die Ausstatterin. Zwischendurch werden, um den Zeitenwechsel zu dokumentieren, die Deckenleuchten und das Dekor ausgetauscht. Am Ende prägen House, Techno und Ravekultur die Zeit der Wende 1989/90.

Für die Premiere und weiteren Vorstellungen gibt es Karten an der Theaterkasse, online (www.theater-krefeld-moenchengladbach.de) und an weiteren Vorverkaufsstellen.

(RP)
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