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Geistliches Wort in Mönchengladbach: Sich an die eigene Vergänglichkeit erinnern

Geistliches Wort in Mönchengladbach : Sich an die eigene Vergänglichkeit erinnern

Der katholische Pfarrer Ulrich Clancett erinnert daran, dass die Menschen schon immer mit Katastrophen umgehen mussten. Lediglich ihr Umgang damit hat sich verändert.

Abschiede sind selten etwas Angenehmes. Abschiede tun bisweilen weh, manchmal schmerzen sie bis ins Mark. Das ist im zwischenmenschlichen Bereich nicht anders als bei den alltäglichen Abschieden, mit denen wir in den unterschiedlichsten Zusammenhängen konfrontiert werden. Andererseits: Abschiede machen manchmal auch Freude, verbreiten Aufbruchstimmung, positive Lebensenergie.

Hinter all dem liegt wohl unsere Erfahrung mit dem Tod, dem endgültigen Abschied aus dem irdischen Leben. Der ist endgültig, sagen viele Menschen. Wir Christinnen und Christen sagen, dass es kein Abschied auf immer ist – da gebe es etwas, was nach dem Tod auf uns wartet. Das ewige Leben, wie wir das nennen. Wie auch immer: Abschiede markieren immer Abschnitte. Etwas Gewohntes, Vertrautes endet, etwas Neues, Ungewisses beginnt.

Ich habe den Eindruck, dass wir uns derzeit in einer sehr intensiven Abschiedsphase befinden. In der zu Ende gehenden Corona-Pandemie merken wir an allen Ecken und Enden, dass manches nie mehr so sein wird wie vorher. Die weltweiten Klimaveränderungen machen deutlich: Wir müssen uns von vielem verabschieden, was uns liebgeworden ist – wenn wir und unsere Nachkommen auf diesem Planeten eine Überlebenschance haben wollen.

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In der Politik zeichnen sich Veränderungen ab, die für viele vielleicht schwer zu ertragende Abschiede mit sich bringen. In diesem Sommer haben uns erschreckende Fernsehbilder aus der Nachbarschaft viele grausame, plötzliche, unvorbereitete Abschiede gezeigt: Die Flutkastrophen an Ahr, Erft, in der Eifel, an Ru(h)r und vielerorts sonst haben kaum zu ertragende Bilder von Abschied hervorgebracht.

Was eigentlich, wenn mich so ein plötzlicher, unvorbereiteter Abschied von meiner vertrauten Wohnung, meiner Heimat, von den Menschen, die mit mir eben noch zusammengelebt haben, trifft? Kann man sich auf so etwas überhaupt vorbereiten? Ich habe das Entsetzen der Menschen noch im Ohr: So eine Katastrophe hat es ja noch nie gegeben – unfassbar, nie dagewesen…

Zunächst erfasste auch mich der Schock über das Ausmaß der Zerstörung, über die Vielzahl toter Menschen und Tiere – und doch geriet ich schon wenig später ins Nachdenken: Warum haben wir eigentlich solche Angst vor diesen Abschieden? Wir wissen, dass nichts von ewigem Bestand ist.

Historiker wiesen etwa am Beispiel des Ahrtals nach, dass diese Flut beileibe nicht einzigartig war. Bis in das späte Mittelalter hinein förderten sie Zeugnisse über katastrophale Fluten im Ahrtal mit flächendeckenden Zerstörungen zutage. Immer wieder die gleichen Bilder und Zeugnisse: Meterhoher Schlamm überall, Häuser die den Wassermassen nicht standhielten…

Alles etwas also, an das wir uns wohl wieder gewöhnen müssen – nicht nur, weil wir Menschen uns diese Probleme durch den Klimawandel selber geschaffen haben. Und vielleicht müssen wir uns auch wieder an die Binsenweisheit gewöhnen: Das Leben ist lebensgefährlich.

Denn – machen wir uns nichts vor: Gerade in unseren Breiten ist in den Jahrzehnten nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs im Unterbewusstsein auch eine Haltung entstanden, nach der uns schon nichts passieren wird, wenn wir uns nur genug anstrengen. Die Katastrophe, den Tod haben wir galant aus unserem Leben ausgeblendet.

Als Gegenentwurf könnte da das Mittelalter dienen, das den „Gevatter Tod“ kannte, der selbstverständlich in jeder Familie mit dabei war. Und der auch mit den Menschen feiern konnte, was zahlreiche Kunstwerke der Gattung „Totentanz“ zeigen.

Das bedeutendste Kunstwerk der Gegenwart findet sich übrigens in der Geneickener Franziskuskirche in unserer Stadt: Markus Lüpertz schenkte den Bilderzyklus 2002 der Kirchengemeinde, die diesen Schatz von Denkanstößen zum Thema „Katastrophe und Tod“ seither hütet. Vielleicht auch eine gute Art von Daseinsvorsorge, sich so mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen – und nicht blindlings von Katastrophe zu Katastrophe zu stolpern.

Der Autor Ulrich Clancett ist katholischer Pfarrer in St. Jakobus Jüchen und Vorsitzender der Verbandsvertretung des kgv Jüchen.