Mönchengladbach: Gambler - ein Musical mischt eine Stadt auf

Mönchengladbach: Gambler - ein Musical mischt eine Stadt auf

Für 20 Monate lang wurde Mönchengladbach in den 1990er-Jahren zur Musical-Hochburg. Doch "Gambler" blieb nur eine Episode.

Erst gab es viel "Gaudí", dann wurde mächtig gezockt - und am Ende kreiste der Pleitegeier über einer Unternehmung, die doch so überaus hoffnungsvoll begonnen hatte. Nach den Erfolgen, die der Produzent Friedrich-Carl Coch in Aachen und danach im benachbarten Alsdorf mit dem Musical "Gaudí" über den berühmten katalanischen Baumeister feierte, glaubten die Mönchengladbacher Stadtoberen nur allzu gern an ein gutes Blatt. Das zückte Coch, indem er anbot, im leerstehenden Schauspielhaus an der Hindenburgstraße ein Musical-Zentrum zu etablieren. Das Stück schrieb derselbe Komponist, der auch die Musik für "Gaudí" verfasst hatte: der Sänger, Pianist und Texter Eric Woolfson (1945-2009), berühmt geworden in der Progressive-Rock-Formation Alan Parsons Project. Und mit Elmar Ottenthal aus Aachen trat ein ausgewiesener Inszenierungs-Experte an, der zuvor bereits "Gaudí" eingerichtet hatte. So kam das neue Stück "Gambler" ins Spiel und auf den Weg.

Die Stadt hatte ihr Schauspielhaus aus finanzieller Not schließen müssen und suchte nun händeringend nach einer Nachnutzung des von dem Architekten Paul Stohrer entworfenen Theaterbaus. Dort war am 10. September 1959 zum ersten Mal "der Lappen" (Vorhang) in dem zigarettenkistenähnlichen, verglasten Bau an der Hindenburgstraße hochgegangen - mit den "Meistersingern von Nürnberg".

Die Stadt schloss einen Mietvertrag über fünf Jahre mit Cochs in Köln ansässiger Cologne Musicals GmbH. Nach der Premiere am 26. Oktober 1996 jubelte der sonst eher bedächtige Oberbürgermeister Heinz Feldhege: "Gambler ist für Mönchengladbach wie ein Lottogewinn!" Diesen vordergründigen Eindruck konnte man damals durchaus gewinnen: Das Publikum der Welt-Uraufführung feierte das Event mit 14-minütigen Ovationen. Die sängerischen Qualitäten der Hauptdarsteller, die Tanzeinlagen und die ohrwurm-verdächtigen Melodien Woolfsons gefielen allgemein. Publikumslieblinge wurden der Israeli Rafi Weinstock, der den düsteren Casino-Boss spielte, der Niederländer Gerardo Jak als Spieler und Annika Bruhns, Tochter der TV-Journalistin Wibke Bruhns, als blondes Showgirl.

Doch die Kritik dämpfte die Euphorie, nicht allein die Rezension in der Rheinischen Post. "Die Weltpremiere des dritten Woolfson-Musicals in Mönchengladbach konnte nicht ganz das ,Geheimnis der Karten' lüften, obwohl es der Untertitel verheißt", schrieb Annette Bosetti in den Aachener Nachrichten. Die "Welt" befand: "Das musikalische Spiel um das Glücksspiel nach literarischen Vorlagen . . . wird vor allem von seinen attraktiven Hauptdarstellern getragen." Und in der NRZ stand zu lesen: "So ist denn auch ,Gambler' eher Grüner-Punkt-Entertainment als ein neues Musical. Woolfsons Spieler ist am Ende Pleite, Selbstmord im Nebel. Nicht unerwartet, aber effektvoll, solide gemacht und daher mit reichlich Beifall belohnt." Seine Kritik in der RP kleidete der Musikredakteur Wolfram Goertz in eine launige Spielbetrachtung mit zehn Stichen. Am Ende hatte er dabei 672 Miese zusammengezählt.

Das Stück hatte freilich durchaus einige Qualitäten, seine Quellen gehen auf das erfolgreiche Musikalbum "The Turn of a Friendly Card" zurück, welches das Alan Parsons Project bereits 1980 veröffentlichte. Eric Woolfson hatte dafür sowohl Text als auch Musik beigesteuert. Der Song behandelt das Leben eines obsessiven Spielers. Die Handlung von "Gambler" lässt darüber hinaus Anleihen an Dostojewskys Roman "Der Spieler" und an Alexander Puschkins Erzählung "Pique Dame" erkennen, die von Peter Tschaikowsky als Grundlage für seine gleichnamige Oper herangezogen wurde.

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Bereits sechs Wochen nach der Premiere stellten sich Zweifel ein, ob das Unternehmen "Gambler" den Atem zum Dauerbrenner hatte. Die Gesellschaft des Produzenten Coch zahlte der Stadt keine Miete, vertröstete auf später. Und die städtischen Verantwortlichen ließen sich tatsächlich auf die Hoffnungsbank nieder und das sich ankündigende Desaster seinen Lauf nehmen. Coch selbst musste im Dezember 1996 gestehen: "Wir haben die Herzen der Mönchengladbacher noch nicht gewonnen."

Nach der 501. Vorstellung von "Gambler" war dann im Juni 1998 endgültig Schluss, die Stadt blieb auf rund zwei Millionen D-Mark an Forderungen sitzen, überwiegend verlorene Mieteinnahmen. Dieses Geld musste Mönchengladbach großteils abschreiben, auch wenn es die zurückgelassene technische Ausrüstung des Gambler-Teams erhielt. Durfte die Stadt - unter dem damaligen Oberstadtdirektor Jochen Semmler, dem Stadtdirektor und Kulturdezernenten Wolfgang Rombey und dem Stadtkämmerer Manfred Nieland - ein solches Haushalts-Risiko eingehen?

Dazu äußert sich auf Anfrage der ehemalige Kulturdezernent Wolfgang Rombey: "Wer nicht wagt, der nicht gewinnt - so könnte ich, um im Jargon zu bleiben, antworten. Doch im Ernst: Wo lag das Risiko? Es ging darum, ein leeres Haus wieder mit Leben zu füllen. Bei Leerstand wie in den Jahren danach hat die Stadt auch keine Miete erhalten, sondern musste den Unterhaltungsaufwand alleine tragen. So hatten wir zumindest zwei Jahre lang das Haus und die Stadt belebt. Die Entscheidung pro Gambler muss man vor dem Hintergrund des damaligen Musical-Booms sehen, überall in der Republik schossen Musicalbühnen aus dem Boden. So hatten wir die begründete Hoffnung, mit Gambler und vor allem der Musik von Woolfson ein Stück des Kuchens mit zu bekommen. Zumal wir damals noch in der Konzeptionsphase für den Nordpark waren und vorstellbar war, dass Investoren neben dem Borussia-Stadion eine Veranstaltungshalle bauen, wenn ein erfolgreiches Produkt angeboten wird. So wie es zum Beispiel in Bochum mit Starlight-Express noch heute funktioniert."

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(RP)
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