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Frauenberatungsstelle: "#Metoo ist ein altes Thema"

Mönchengladbach : „#MeToo ist ein ganz altes Thema“

In der Frauenberatungsstelle melden sich seit 30 Jahren Frauen, die vergewaltigt oder sexuell genötigt wurden.

Sexuelle Übergriffe können schwer traumatisieren. Die Erfahrungen machen die Mitarbeiterinnen in der Frauenberatungsstelle Mönchengladbach immer wieder. „Zu Scham und Schuldgefühlen, die Frauen empfinden, kommen oft auch Körperliche und seelische Symptome wie Schlafstörungen und Depressionen“, sagt Doris Ingenhag.

Alleine im vergangenen Jahr haben sich 35 Frauen in der Beratungsstelle gemeldet. weil sie vergewaltigt oder Opfer sexueller Übergriffe wurden. „Das sind die Frauen, die sich getraut haben, Hilfe zu holen. Und sie haben alle ausnahmslos Härtefälle erlebt – nicht einen Klaps auf den Po oder nicht die dumme Anmache am Arbeitsplatz“, sagt Ruth Pütmann, bei der Frauenberatung zuständig für das Thema „sexualisierte Gewalt“. Das Problem sei ständig gegenwärtig. Denn an die Beratungsstelle wenden sich auch Frauen, die als Kind sexuell missbraucht wurden. „Oft kommt der Übergriff, der lange beiseite geschoben wurde, nach Jahrzehnten  wieder hoch. Da reicht ein Duft oder ein Geräusch von früher“, sagt die Sozialpädagogin Silvia Henke. „Flashbacks“ nenne man so etwas, ergänzt Ruth Pütmann.

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Auch bei vielen Frauen, die sich wegen „häuslicher Gewalt“ an die Hilfestelle wenden, komme schnell heraus, dass sie von ihren Partnern oder Ehemännern vergewaltigt und sexuell genötigt wurden. „#MeToo“, sagt Silvia Henke, „ist zwar ein guter aktueller Aufschrei. Aber das Thema  ist alt.“ Auch deshalb habe der Dachverband der autonomen Frauenberatungsstellen NRW die Kampagne „Stark für Frauen gestartet“, an der sich viele Prominente beteiligen. Nicht nur Frauen, sondern auch Männer. Der CDU-Landtagsabgeordnete Jochen Klenner gehört beispielsweise dazu. Die Kampagne soll die Arbeit in den Frauenberatungsstellen bekannter machen. Und in dieser Woche soll das Thema „sexualisierte Gewalt“ näher beleuchtet werden.

 Silvia Henke, Doris Ingenhag und Ruth Pütmann gehören zum Team in der Frauenberatungsstelle.
Silvia Henke, Doris Ingenhag und Ruth Pütmann gehören zum Team in der Frauenberatungsstelle. Foto: Raupold, Isabella (ikr)

Das Thema bleibe immer aktuell. Denn wenn auch die Gesetzeslage sich für die Frauen durchaus verbessert habe, liege noch vieles im Argen, sagt Silvia Henke. Viele Frauen würden auch heute nicht sexuelle Übergriffe anzeigen.  Das liege zum einen an der Scham, zum anderen aber auch an den geschlechtsspezifischen Rollenbildern, die es immer noch gebe und heute sogar eine Renaissance erlebten. Wenn sich in Modeblogs beispielsweise heute junge Frauen wieder nur noch auf die Schönheit reduzieren. „Aber es ist doch immer noch so: Wir sehen in Filmen den starken Mann, der eine Frau küsst. Die wehrt sich erst, er macht weiter, und schließlich sinkt sie in seine Arme“, sagt die Sozialpädagogin. Das signalisiere den Männern doch: „Du musst immer einen Schritt weitergehen, als die Frau möchte. Dann wird das schon.“ Aber genau das ist falsch.

Ruth Pütmann hört von Vergewaltigungsopfern oft: „Wir haben zuerst gescherzt, gelacht und geflirtet. Dann sind wir irgendwohin  gefahren, und da ist es passiert.“ Der Mann habe den letzten Schritt als Einwilligung aufgefasst, die Frau nicht. Dennoch mache sie sich Vorwürfe, sage sich immer wieder: „Wäre ich nicht mitgefahren, wäre das nicht passiert.“ Und auch in der Gesellschaft werde das oft nicht anders gesehen. „Ist sie doch selbst schuld, was geht sie auch nachts noch alleine durch die Straßen.“ „Die war ja auch immer so aufreizend angezogen.“ Solche Sätze sind auch in der #MeToo-Zeit gar nicht so selten.

Bezeichnend findet Silvia Henke auch, dass zwar die Zahl der Strafanzeigen nach sexualisierter Gewalt in Deutschland leicht angestiegen ist, die Zahl der Verurteilungen aber nicht. Es gebe eine Studie, nach der weit über 50 Prozent aller Fälle eingestellt werde. Und das liegt nach Ansicht der Mitarbeiterinnen in der Beratungsstelle nicht daran, dass die Frauen Männer falsch beschuldigten. Fehlanzeigen gebe es zwar, aber der Anteil liege bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung bei gerade einmal ein bis zwei Prozent.

In der Frauenberatungsstelle Mönchengladbach wird keine Frau zu einer Strafanzeige überredet. „Das sollen die Frauen selbstbestimmt entscheiden“, sagt Ruth Pütmann. Die Mitarbeiterinnen bieten therapeutische Hilfe und vielseitige Unterstützung beispielsweise bei Prozessbegleitungen und Opferentschädigung und, wenn es dann doch gewünscht ist, auch bei Fragen zur Anzeigenerstattung. Auch Angehörige von Betroffenen können sich an der Kaiserstraße 20 Rat holen.