Mönchengladbach: Franz Gielen: Krisenmanager und Duzfreund von Adenauer

Mönchengladbach : Franz Gielen: Krisenmanager und Duzfreund von Adenauer

Sicher, er war der erste Oberbürgermeister für Gladbach und Rheydt. Er bekleidete hohe öffentliche Ämter in der Weimarer Republik, engagierte sich zudem in sozialen Organisationen wie dem Volksverein für das katholische Deutschland.

Er war Mitgründer des Niersverbands und vergrößerte das Liniennetz von Bussen und Straßenbahnen. In seiner Amtszeit wurde das Volksbad gebaut. Und er förderte den sozialen Wohnungsbau wie kein anderer Oberbürgermeister vor ihm. Vor diesem Hintergrund ist es nur zu verständlich, dass der Name Franz Gielen auch heute noch für Verzückung sorgt. Er war von 1920 bis 1930 Oberbürgermeister München-Gladbachs, im letzten Jahr auch kommissarisch für die zusammengeschlossenen Städte Gladbach und Rheydt zuständig.

Zusammenschluss gemeistert

Aber die vielleicht interessanteste Zeit unter Gielen erlebte Gladbach bereits Jahre zuvor. Als er sich gegen die belgischen Besatzer auflehnte und daraufhin die Stadt und das Rheinland verlassen musste. Es war die Zeit, als das Rheinland die Folgen des Ersten Weltkrieges besonders zu spüren bekam. Gielen meisterte zwar den Zusammenschluss Gladbachs, Neuwerks und Rheindahlens 1921, und ihm gelang es auch, die nötige Infrastruktur für das Zusammenwachsen zu schaffen. Aber das Geld wurde durch die Hyperinflation immer weniger wert. Die sozialen Verhältnisse wurden immer schlechter. Und in diese Zeit fiel die Besatzung des Ruhrgebiets.

Gladbach wurde Durchmarschstation der Truppen, Wohnungen wurden beschlagnahmt, außerdem städtische Wälder. Gielen erkannte darin einen Verstoß gegen den Vertrag von Versaille und wehrte sich. Die Reichsregierung ordnete passiven Widerstand an, was den Konflikt noch verschlimmerte. Angestellte des öffentlichen Dienstes stellten die Arbeit ein, die Unruhen in der Stadt wurden immer größer. Gielen musste regelmäßig zu Vernehmungen beim belgischen Stadtverordneten erscheinen. Seine Amtsräume und die Wohnung wurden durchsucht.

Zum Eklat kam es im August 1923: Eine Separatisten-Bewegung, die die Unabhängigkeit des Rheinlands forderte, verlangte, in der Kaiser-Friedrich-Halle eine Großveranstaltung abhalten zu dürfen. Gielen verweigerte dies, die Genehmigung erteilte dann der belgische Kreisdelegierte. In der Nacht auf den 26. August stießen Teilnehmer einer Gegendemonstration mit Separatisten zusammen, laut Schilderung des städtischen Statistikamtes kam es zu Schüssen in der Stadt. Die Polizei griff nicht ein, entsprechend ihres Befehls, in Alarmbereitschaft zu bleiben. Militärpolizei klärte die Situation, die für die Stadtspitzen Folgen haben sollte: Gielen und noch drei weitere Spitzenbeamte wurden aus dem Rheinland ausgewiesen. Er und seine Familie schlugen sich das folgende halbe Jahr im Münsterland durch.

Die Rheinlandkommission hob seine Ausweisung im März 1924 auf, und Gielen nahm seine Amtsgeschäfte wieder auf. Die schwierige Zeit ging aber weiter, auch nach Besatzungsende am 31. Januar 1926. Wirtschaftlich war Mönchengladbach auf die Textilindustrie angewiesen, die kaum mehr Aufträge erhielt. Die Beschäftigung ging zurück, und Gielen war weiter Krisenmanager, der aber auch Weitblick bewies, als er den Zusammenschluss Gladbachs und Rheydts zwecks Sparmöglichkeiten vor dem preußischen Landtag forcierte.

Es war praktisch seine letzte Tat, nach einem Jahr als kommissarischer Oberbürgermeister von Gladbach-Rheydt zog sich Gielen in den Ruhestand zurück. Gielen war einer der typischen Oberbürgermeister der Weimarer Republik, eng befreundet mit seinem Kölner Amtskollegen Konrad Adenauer. Gielen war es, der Adenauer 1906 empfohlen hatte, sich auf die offene Stelle des Beigeordneten in Köln zu bewerben. Er war der Einzige unter den Bürgermeisterkollegen, mit dem sich Adenauer duzte. Dessen Wahl zum Bundeskanzler erlebte er nicht mehr.

(RP)
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