Mönchengladbach: Forscher: Altersarmut wird verharmlost und verdrängt

Mönchengladbach: Forscher: Altersarmut wird verharmlost und verdrängt

Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge referierte an der Hochschule. Er warnt: Soziale Benachteiligung gefährde die Gesundheit.

Christoph Butterwegge, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Köln, ist ein gesuchter Interviewpartner, wenn es um Fragen der Armut in einer reichen Gesellschaft geht. Er beschäftigt sich seit Jahren mit der Problematik, anfangs in Bezug auf Kinderarmut, inzwischen mit dem Schwerpunkt Altersarmut. Seine Kritik an der Agenda 2010 bewog ihn dazu, aus der SPD auszutreten. Auch im aktuellen Koalitionsvertrag findet Butterwegge die Armutsproblematik nicht ausreichend berücksichtigt.

Er sprach jetzt im Rahmen einer Ringvorlesung an der Hochschule Mönchengladbach. Armut, meint Professor Butterwegge, und besonders Altersarmut werde verdrängt und verharmlost. "Armut ist kein schönes Thema, und sie ist in Deutschland nicht so spektakulär", nennt der Armutsforscher Gründe. "Aber Armut in einem reichen Land kann viel erniedrigender und deprimierender sein als in einem armen Land." Psychische Leiden seien die Folge, vor allem für ältere Arme, die wissen, dass sie sich nie mehr aus der Armut herausarbeiten können.

Armut, so definiert Butterwegge, spiegele mehr als nur ein geringes Einkommen. "Armut bedeutet Benachteiligung bei Bildung, Wohnen, Kultur, Gesundheit", stellt er fest. "Es sind alle Bereiche betroffen."

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Der Armutsforscher kritisiert den Koalitionsvertrag zwischen der Union und den Sozialdemokraten. Der Begriff Altersarmut tauche nur in einer Überschrift auf: "Altersarmut verhindern" heiße es da. Altersarmut gebe es aber längst. Mehr als 800 000 Menschen über 64 Jahre haben einen Mini-Job. "Die meisten davon fahren nicht Taxi oder putzen Klos, weil sie die sozialen Kontakte schätzen", sagt Butterwegge. Als Ursachen macht er die Demontage des Sozialstaats und der gesetzlichen Rentenversicherung aus. "Das Rentenniveau wird gesenkt und die Beschäftigten sollen selbst vorsorgen", stellt er fest. Aber wer von Niedriglöhnen lebe, könne nicht vorsorgen. Den Begriff der Generationengerechtigkeit, der immer wieder genannt wird, greift Butterwegge an. "Das ist ein Kampfbegriff", meint er. "Die Grenze verläuft nicht zwischen Alt und Jung, sondern zwischen Arm und Reich. Die Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre haben immer die Reichen geschützt." Die Körperschaftssteuer sei gesenkt worden, das Erbschaftsrecht entsprechend verändert. "Ganze Konzerne können heute vererbt werden, ohne dass die Erben Erbschaftssteuer zahlen müssen", sagt der Armutsforscher. Auf der anderen Seite zahle die Bundesagentur für Arbeit keine Rentenbeiträge für Hartz IV-Empfänger mehr.

In der Gesellschaft werde zwischen würdigen und unwürdigen Armen unterschieden. Kinder seien würdige Arme, weil sie ja nicht selbst schuld sein könnten. Ältere Arme hingegen geraten unter Druck und sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, nicht genügend vorgesorgt zu haben.

Das beste Mittel, die Altersarmut zu bekämpfen, ist nach Meinung Butterwegges die Stabilisierung des Rentenniveaus und die Zurückdrängung prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Er wünscht sich eine Bürgerversicherung, zu der alle Beitragszahler herangezogen werden. Die Anwesenden, überwiegend im Rentenalter, hörten's mit Interesse.

(arie)
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