Felix Baumgartner — ein Abenteurer der Neuzeit

Mönchengladbach : Felix Baumgartner: "Ich hatte immer Angst, nie Spaß"

In der Reihe "Pioniere der Welt" des Mönchengladbacher Initiativkreises war Felix Baumgartner zu Gast. Der Extremsportler erzählte im Gespräch mit Ranga Yogeshwar von seinem Sprung aus der Stratosphäre, von Angst und Disziplin und von seiner Nacht im Knast.

Bodenständig — so paradox es klingen mag — präsentierte sich Felix Baumgartner in Mönchengladbach. Ausgerechnet er, der Österreicher, der Extremsportler, der sich am 14. Oktober 2012 mit einem Fallschirm aus 38969,4 Metern aus einer Kapsel mit Heliumballon waghalsig auf die Erde stürzte. Mit klarer Haltung, einordnenden Aussagen zur Entwicklung unserer Gesellschaft und einer sympathischen Portion Humor unterhielt er im kongenialen Zusammenspiel mit Interviewer Ranga Yogeshwar das 1000 Gäste umfassende Publikum in der Kaiser-Friedrich-Halle.

"Willkommen auf der Erde, willkommen in Mönchengladbach", begrüßte Hartmut Wnuck, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse, als Schirmherr der Reihe "Pioniere der Welt" des Mönchengladbacher Initiativkreises den 45-Jährigen. Baumgartner gab zu, Mönchengladbach "nur aus dem Radio von diversen Staumeldungen" zu kennen, sprach der Vitusstadt aber "einen sehr guten Ersteindruck" zu.

Es ging allerdings weniger darum, Baumgartner Gladbach näherzubringen, als vielmehr den Gladbachern einen Einblick in das Seelenleben eines Abenteurers der Neuzeit zu geben. Baumgartner schilderte ausgiebig seine Entwicklung vom kleinen Jungen aus dem Salzburger Land, der schon damals gerne in Bäumen kletterte und von Mauern sprang, zum Base-Jumper, Helikopterpilot und dreifachen Weltrekordhalter: Dem höchsten Absprung mit einem Fallschirm folgte der Durchbruch der Schallgeschwindigkeit ohne Stabilisierungsschirm (1357,6 km/h) und der tiefste freie Fall (36 402,6 Meter).

"Ich habe mir da oben zehn Sekunden gegönnt"

"Ich hatte bei meinen Projekten immer Angst, nie Spaß", erklärte Baumgartner. "Es geht um Leistung und Disziplin. Ich war voll fokussiert und konzentriert." Einen Punkt mit Freizeitwert hatte Baumgartner aber in seinen fest strukturierten und präzise getakteten Ablaufplan beim Stratosphärensprung integriert: "Ich habe mir da oben zehn Sekunden gegönnt, um das Ganze zu inhalieren. Die Erdkrümmung, die schöne Erde, das tiefschwarze Nichts über mir." Die Entscheidung zu springen, stand vor dem Aufstieg in den sauerstoffleeren Raum fest. Weit bevor er die Tür öffnete und die Sauerstoffleitung zur Kapsel kappte. Ein Zurück mit Kapsel wäre ein schwieriges Unterfangen geworden. "Wenn du da oben bist, ist der Sprung der sicherste Weg zurückzukommen", erklärte Baumgartner.

Erster Fallschirmsprung mit 16 Jahren

Bis der Österreicher zum Star der Extremsportler wurde, war es ein weiter Weg. Anfangs half ihm seine Mutter. Sowohl finanziell, um ihm mit 16 Jahren seinen Traum vom ersten Fallschirmsprung zu realisieren, als auch mental im Kampf mit seinem Vater, der eher konservativ eingestellt ist. "Er hat immer gesagt, ich solle etwas Vernünftiges machen. Mit dem Sport könne man kein Geld verdienen", beschrieb Felix die Situation im Hause Baumgartner. Er sollte seinen Vater eines Besseren belehren — hatte aber mit Hindernissen zu kämpfen. Auch sein jetziger Sponsor Red Bull war nicht von allen Plänen á la Baumgartner begeistert. Dass 2,1 Milliarden Menschen via TV oder Internet an seinem Sprung aus der Stratosphäre live teilhatten, wertet er als Zeichen: "In unserer Gesellschaft sind wir häufig fremdbestimmt. Es ist wichtig, die Komfortzone zu verlassen. Es gibt ein Bedürfnis, Grenzen zu durchbrechen."

Ausführlich erzählte er von seinem Fallschirm-Sprung von den 452 Meter hohen Petronas-Towers in Kuala Lumpur. Die Beschreibung der Vorbereitung ähnelte der Zusammenfassung eines neuen Gangster-Epos von Regisseur Martin Scorsese. Das Ausspionieren des Gebäudes, das Studieren der Security-Männer, das Fälschen eines Sicherheitsausweises. All das hätte das Zeug zum echten Kino-Kassenschlager. Auch das Ende der Geschichte war filmreif: Der Sprung gelang, die Flucht im Taxi auch. Dennoch endete die Reise im malaysischen Knast.

"Manche trinken warme Milch, ich springe vom Hotel"

Denn Baumgartner sprang an den beiden folgenden Tagen vor dem Rückflug jeweils vor dem Schlafengehen vom Dach des Marriot-Hotels. "Manche trinken warme Milch, um besser schlafen zu können, ich springe vom Hotel", erklärte Baumgartner und amüsierte damit das Publikum. Pech für ihn: Ein Wachmann rief die Polizei und Baumgartner musste im Gefängnis übernachten. Schließlich kam Baumgartner zu dem Entschluss: "Es schadet nicht, zwischendurch mal was Legales zu machen." Ganz bodenständig eben.

(RP)