Zeugnisgeld in Mönchengladbach: Die Enkelin entdeckt den Kapitalismus

Opa-Kolumne in Mönchengladbach : Wie meine neunjährige Enkelin den Kapitalismus entdeckt

Zum Ferienanfang bekommt die älteste Enkelin unseres Kolumnisten ein Geschenk für gute Noten. Dabei entdeckt sie ihre kapitalistische Ader – doch nicht so schnell wie ihre kleine Schwester.

Hannah (9) liegt bäuchlings auf dem Parkett. Elisa (2) daneben – auch auf dem Bauch. Hannah diskutiert mit mir, gestikuliert, hebt mal das rechte, mal das linke Bein an. Elisa ahmt mit wenigen Sekunden Verzögerung jede einzelne Geste nach. Dann wechselt Elisa die Perspektive, spielt jetzt Mama und betüdelt ihre Puppe. Rollenspiel. Kinder lieben es, können sich stundenlang so beschäftigen – immer wieder wechseln die kleinen Mimen die Situationen.

Wann endet dieses kindliche Spiel? Es ist schwierig, einen Zeitpunkt zu bestimmen. Es bekommt allerdings mit den Jahren andere Facetten, „paradoxe Züge“, so der Erziehungswissenschaftler Professor Hans Scheuerl. So zeigt das spielende Kind nach seiner Ansicht unter anderem „listige Zurückhaltung und Verstellung, die ihre Augenblicksbedürfnisse mit kühlem Pokergesicht um des späteren Triumphes willen aufspart“. Dass Scheuerls These stimmt, beweist Hannah immer dann, wenn sie Schulnoten bekommt. Sie hat die kleinkindliche Rollenspiel-Praxis verlassen und ist ins Schauspielfach gewechselt. Und sie legt größten Wert darauf, dass alle mitspielen und ebenso „paradoxe Züge“ zeigen. Bittere „Tränen“ weint sie vor Mama: „Ich habe eine 5 in Deutsch“, jammert Hannah. Mama schauspielert ebenfalls und tröstet. Wie Kai aus der Kiste kommt dann die Verwandlung – und freudestrahlend verkündet Hannah eine viel bessere Note. Und Mama muss schier aus dem Häuschen sein. Auch Oma und Opa mussten dieses Spiel bisher mitmachen. Wenn sie am Zeugnistag aus der Schule kam, rief sie an. „Mein Zeugnis ist nicht so gut. Ich habe zwei Fünfen, drei Vieren, der Rest ist befriedigend“, erzählte sie zum Beispiel, und ihre Stimme wirkte dann bedrückt, mehrmals schluchzte sie leise auf. Jetzt wagen Sie als Opa mal, da nicht mitzuspielen. Ich beruhigte, sprach von besseren Zeiten, die irgendwann kommen. Dabei wusste ich immer, dass sie weit entfernt von Vieren und Fünfen ist, ja, nicht mal ein „Befriedigend“ deutete sich an. Dann kam irgendwann die Eruption, ihre Stimme wurde hell und laut, sie jubelte und lachte. Und Oma und Opa mussten es ihr gleich tun und spielten die Ahnungslosen, Überraschten.

Beim jüngsten Zeugnis war die Situation plötzlich eine andere. Sie rief nicht an. Irgendwann am Tag war sie dann bei uns, das Thema Zeugnis war aber kein besonders dringliches bei ihr. Ich war es, der neugierig auf die Noten zu sprechen kam. Und ich schauspielerte gleich. „Ich habe gehört, du hast mehrere Dreien und Vieren auf dem Zeugnis“, sagte ich. Sie schaute mich an, und ihr Blick war so, als ob sie an meinem Verstand zweifelte. „Nee“, antwortete sie lässig und kaugummikauend und erzählte von tollen Noten. Und als ich dann meiner Bewunderung Ausdruck verlieh und fragte, welches Geschenk sie sich als Belohnung vorstellen könnte, da kam ihr etwas zögerliches Feedback: „Auch Geld?“ Ja, lieber Professor Scheuerl, Ihre „paradoxen Züge“ bekommen somit eine neue Facette: Meine neunjährige Enkelin ist im Kapitalismus angekommen. Ihre Schwester Matilda (5) scheint auf diesem Weg schneller zu sein. Sie ist noch im Kindergarten, aber für finanzielle Verlockungen durchaus zu haben. Als Oma einmal Hannahs Einsen und Zweien belohnte, reagierte Matilda rasch. Doch was ist eine 1 und eine 2, wenn eine 3 und eine 4 eigentlich deutlich mehr sind? „Ich war jetzt auch mal in der Schule“, erzählte sie meiner Frau im Brustton ihrer Überzeugung: „Und da habe ich zweimal eine 3 und einmal eine 4 bekommen. Was kriege ich dafür?“

Ein Junge zählt sein Taschengeld. (Symbolbild). Foto: dpa/Jens Kalaene

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (9), Matilda (5) und Elisa (2). An dieser Stelle berichtet er regelmäßig vom aufregenden Opa-Leben. Foto: Ilgner

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