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Studieren mit Kind in Mönchengladbach: Wie eine Mutter den Alltag meistert

Eltern in Mönchengladbach : Wie eine Studentin mit Kind den Alltag meistert

Victoria Marherr studiert an der Hochschule Niederrhein und hat einen kleinen Sohn. Vor allem durch gute Organisation gelingt ihr das Studium mit Kind. Damit jedoch alles reibungslos klappt, gehört noch viel mehr dazu.

Summend öffnet die Tür der Kinderbetreuungsstätte. Vor Victoria Marherr tippelt ihr kleiner Sohn Gabriel über die Schwelle und setzt sich auf eine der Miniaturbänke im Flur. Schnell in die Hausschuhe, dann zum Frühstückstisch, eine Umarmung, Mama winkt ihm aus dem Türrahmen zu, Gabriel winkt mit einem Stück Gurke in der Hand zurück. Dann verschwindet Marherr, denn sie muss los: Sie studiert an der Hochschule Niederrhein Soziale Arbeit. Eigentlich hatte sie das Studium im niederländischen Nimwegen begonnen, doch dann wurde sie schwanger. Eines, das stand für sie jedoch schon damals fest: „Ich wollte das Studium und die Mutterschaft zusammen meistern.“

Bundesweit sind nach Angaben der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks etwa sechs Prozent der Studierenden Eltern. Neben einem gesunden Talent zur Organisation brauchen die Familien jedoch auch Unterstützung. „Ohne eine Betreuung für Gabriel könnte ich das Studium nicht schaffen“, sagt Marherr. Deshalb ist sie zur Sicherheit wieder in die Nähe von Mönchengladbach gezogen, weil hier auch ihr Vater lebt. „Zur Not hätte er auf Gabriel aufpassen können“, sagt die 26-Jährige. Gabriels Vater kann die Familie nur an den Wochenenden unterstützen, weil er als Zeitsoldat in Niedersachen arbeitet.

Glücklicherweise hatte das Familienzentrum „Campus-Zwerge“ noch einen Platz für Gabriel. „Ich mache gerne Eltern glücklich“, sagt Elke Brockes, die das Familienzentrum leitet. Jedes Jahr kann sie das rund vier- bis fünfmal verwirklichen, denn so viele Kinder nimmt das Familienzentrum jährlich neu auf. Sie alle sind maximal ein Jahr alt, denn Brockes ist die Altersdurchmischung wichtig: „Die Jüngeren lernen so von den Älteren und umgekehrt lernen diese, auf die Kleinen Rücksicht zu nehmen.“ Über 40 Kinder stehen auf der Warteliste. Das Besondere am Familienzentrum ist, dass gerade Studierende mit Kind bevorzugt eine Betreuungsmöglichkeit bekommen, denn Träger des Familienzentrums ist das Studierendenwerk. Eltern können hier ihr Kind für maximal zehn Stunden am Tag abgeben. Die volle Zeit nimmt Marherr jedoch nie in Anspruch: „Mir ist wichtig, dass Gabriel nicht unter meinem Stress leidet.“ Nach der Prüfungsphase, in der ihr im Moment fünf Klausuren bevorstehen, will sie deshalb ganz bewusst eine kleine Auszeit für den Zweieinhalbjährigen einlegen.

Damit das Studium mit dem Familienleben vereinbar wird, hat die Hochschule Niederrhein eine Beratungsstelle eingerichtet. „Wir suchen für Studierende mit Kindern häufig individuelle Lösungen“, sagt Carmen Kalinowski, die den Familienservice leitet. Neben der klassischen Beratung bietet der Service beispielsweise in den Ferien eine Betreuungsmöglichkeit für Kinder ab dem Schuleintritt bis zum zwölften Lebensjahr. Neben Wickelräumen gibt es auch ein Eltern-Kind-Arbeitszimmer, das mit einem PC-Arbeitsplatz und Spielmöglichkeiten ausgestattet ist. Außerdem bietet die Hochschule inzwischen 22 Studiengänge in Teilzeit an.

Für Marherr war das jedoch keine Option. „Wenn man Disziplin hat, kann man das Studium auch in Vollzeit schaffen“, sagt sie. Jeder Tag ist deshalb gut strukturiert: Morgens macht sie Gabriel fertig, bringt ihn in das Familienzentrum, anschließend geht es für sie an die Hochschule, nachmittags holt sie ihn wieder ab, dann wird gespielt und zu Abend gegessen, mit Papa telefoniert, und dann geht Gabriel früh ins Bett – denn Mama muss lernen. Damit das gut funktioniert, macht Gabriel keinen Mittagsschlaf mehr. „Da muss man auch mal Kompromisse eingehen“, sagt Marherr.

Auch die meisten ihrer Kommilitonen würden positiv und rücksichtsvoll reagieren, wenn sie von ihrem Sohn erfahren. Als aber eine andere Kommilitonin ihr Kind in eine Vorlesung mitbrachte und dieses weinte, zeigten sich die Mitstudenten wenig tolerant: „Kann das Kind da oben bitte rausgehen“, wurde da verlangt. Marherr versteht so ein Verhalten nur bedingt. Allerdings sei dies auch ihre einzige negative Erfahrung, die sie gemacht habe. Meistens sind es eher die klassischen Nachfragen, ob sie nicht die „wilde“ Studienzeit mit Partys, Erasmus und allem Pipapo vermisse. Marherr nimmt das gelassen: „Ich bin als Mutter schon an einem anderen Punkt im Leben, da sieht man viele Dinge anders und ich würde es wieder so machen.“ Im Berufsleben werde sie wohl nie wieder so flexibel sein.

Und dem Generalverdacht vieler Arbeitgeber, dass Frauen direkt schwanger werden, sobald sie eine feste Anstellung bekommen, entgegnet Marherr: „Ich werde mein Studium mit Kind schaffen und voraussichtlich sogar unter Regelstudienzeit abschließen. Ich denke, das allein ist Argument genug.“