Opa-Kolumne aus Mönchengladbach: Opa als Tröster, Handwerker und Retter

Opa-Kolumne : Wie Opa zum Retter wird

Eine tobende Enkelin, Tränen und eine heruntergerissene Gardine – unser Kolumnist ist als Opa voll gefordert.

Kennen Sie das wunderschöne Bilderbuch von Maurice Sendak „Wo die wilden Kerle wohnen“? Der Kurzinhalt: Wenn Max seinen Wolfspelz anzieht, hat er nur Unfug im Kopf. Darüber ist seine Mama wenig erbaut. „Wilder Kerl“, schimpft sie, und Max kontert: „Ich fress dich auf.“ Deshalb muss er ohne Essen ins Bett, was dazu führt, dass er auf eine Fantasiereise mit den wilden Kerlen geht. Dabei wird Max immer trauriger, weil er einsam und ohne Mama ist.

Hunderte Male habe ich meinen Kindern dieses Buch vorgelesen, aber nie meinen Enkelinnen. Die „wilden Kerle“ sind schuld. Denn sie sehen mit ihren Zähnen, Pranken und Hörnern furchterregend aus. Meine Kinder hätte ich beruhigen können, wenn die wilden Kerle sie aufgesucht hätten. Bei meinen Enkeltöchtern bin ich da außen vor.

Doch auch ohne ihn zu kennen, ähnelt meine Enkelin Matilda (5) dem Protagonisten Max. Wie dieser verkleidet sie sich gerne. Statt eines Wolfspelzes bindet sie sich zum Beispiel eine Deutschland-Fahne um die Hüfte und trägt sie als Schleier. Ein Borussia-Trikot rundet das Outfit ab. Damit tanzt, springt, rennt sie. Und Opa, der sie betreut, da Mama nicht da ist, warnt – weil er fürchtet, dass sie fallen könnte.

Prompt passiert es. Ein gellendes „Mamaaa!“ – Opa ist als Tröster gefragt. Wenig später muss es ein „Bett“ sein, das mit Hilfe des Couchtisches und Polstern entstehen soll. Dieses Mal ist es der Finger, der über den Boden schrappt. Wieder: „Mamaaa!“ In der Tröster-Rolle hat Opa inzwischen Routine.

Kolumnist Dieter Weber. Foto: Ilgner

Darin ist er so erfolgreich, dass Matilda wenig später mit der Gardine eine Höhle baut. Bis die Gardinenstange mit Schrauben und Dübeln auf den Boden kracht. „Mama ist bestimmt sauer“, jammert Matilda. Opa ist gefragt: als Tröster und Handwerker. Und da er in letzterer Rolle einen guten Ruf zu verteidigen hat, begutachtet er die Konstruktion. „Guck’ dir diese Dübel an. Die sind echt doof“, sagt er zu Matilda. Als sie leicht lächelt, fügt er sogleich hinzu: „Die Dinger sind blöd. Eigentlich noch schlimmer.“

Und siehe: Da klart sich Matildas tränenumflorter Blick auf: „Ja, total beschissen.“

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von drei Enkeltöchtern. An dieser Stelle berichtet er regelmäßig von seinem aufregenden Opa-Leben. Foto: Ilgner

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