1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Familien

Mönchengladbach: Wie schütze ich mein Kind vor sexueller Gewalt?

Prävention und Täterstrategien : Vorbeugung gegen sexuelle Gewalt

Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern erschüttern und machen Eltern Angst. Heike Gottmanns von der Kripo Mönchengladbach kennt die Täterstrategien und die Ängste der Opfer.

Luca ist stolz. Sein Fußballtrainer will ihn mit Sondertraining fördern. Weil der Siebenjährige Talent habe, erklärt der Trainer auch Lucas erfreuten Eltern. Der schüchterne Junge bleibt dann nach dem allgemeinen Training noch länger und trainiert allein unter der Aufsicht des Fußballlehrers. An einem Samstag wird ein zusätzliches Lauftraining verabredet, zu dem die Eltern Luca abliefern. „Aus dir wird noch was“, sagt der Trainer nachher. Luca fühlt sich wahrgenommen, anerkannt und geht gern zu diesem Einzeltraining. Und dann kommt der Trainer in die Umkleidekabine, sieht Luca beim Duschen zu, zieht sich auch aus… Ein fiktiver Fall, aber leider realistisch.

„Es gehört zu den Täterstrategien, dass sie sich Kinder aussuchen, die sich nicht wehren, die nicht Nein sagen“, erklärt Kriminalhauptkommissarin Heike Gottmanns. Sie ist seit elf Jahren in der Gewaltprävention und beim Opferschutz tätig und weiß auch, wie Täter Vertrauen aufbauen und Situationen testen. Erst mal ist alles ganz harmlos – und wenn es dann zum Missbrauch kommt, weiß das Kind nicht mehr, wie es richtig reagieren soll. Das ist doch der Trainer, der Großes verspricht, der Musiklehrer, den es gut kennt, der Nachbar, der Freund, der Jugendleiter, sogar der Großvater. Besonders schwierig ist es für Kinder, die nicht aufgeklärt sind, die Körperteile nicht benennen, ihre Angst, Scham und Ablehnung nicht in Worte fassen können. „Je früher Kinder lernen, die Körperteile beim Namen zu nennen, desto besser“, sagt Heike Gottmanns. Das müsse natürlich bei kleinen Kindern keine vollständige Aufklärung sein, aber eben die Sprachfähigkeit ermöglichen. Die Kinder kennen die Täter meist gut. „Zwei Drittel stammen aus dem nahen sozialen Umfeld des Kindes, sind auch den Eltern bekannt oder gar verwandt“, sagt die Kriminalhauptkommissarin. Je besser man jemanden kennt, desto unvorstellbarer erscheint sexueller Missbrauch. Und desto wichtiger ist es, dem Kind zu glauben, das von Übergriffen erzählt.

„Sexueller Missbrauch kommt in allen Schichten und Altersgruppen vor“, erklärt Gottmanns. Weder Bildung noch Ausbildung, Status, Verwandtschaftsgrad oder Alter sind Kriterien, die Missbrauch von Kindern ausschließen. Die Opferschützerin erinnert sich an einen 84-jährigen Großvater, der beide Enkelkinder missbrauchte. Aber auch an einen Fall, in dem, weil alle richtig reagierten und dem betroffenen Kind geglaubt wurde, Beweismittel gesichert werden konnten. „Es ist selten, dass über die Aussage des Opfers hinaus Sachbeweise vorliegen“, sagt die Kriminalhauptkommissarin.

Der Fall: Eine Mutter geht zum ersten Mal seit langem abends mit einer Freundin weg, der Vater passt auf die Kinder, ein sechsjähriges Mädchen und einen zweijährigen Jungen, auf. Am nächsten Tag klagt das Mädchen über Jucken und Schmerzen im Genitalbereich. Schließlich geht die Mutter mit ihrer Tochter in ein Krankenhaus. Nach der Untersuchung, die noch keine direkten Hinweise auf Missbrauch ergibt, ist das Mädchen mit einer Krankenschwester im Nebenraum, während die Ärztin mit der Mutter spricht. Jetzt erzählt das Kind der Krankenschwester vom gemeinsamen Baden mit dem Papa, der „eklige Sachen“ gemacht und danach einen Kinderstrumpf weggeworfen habe. Die Mutter ist geschockt, als sie davon hört. Die Polizei wird informiert, eine Hausdurchsuchung fördert das Beweismaterial zu Tage. Der Vater wird festgenommen.

Ein solcher Fall ist selten, weil die Kinder oft lange brauchen, ehe sie sich jemandem anvertrauen. Es kann Monate dauern, ehe sie sich jemandem öffnen. Aber was können Eltern tun, um ihr Kind möglichst weitgehend vor sexuellem Missbrauch zu schützen? „Es geht darum, Kinder möglichst stark zu machen. Sie müssen lernen, deutlich Nein zu sagen, wenn sie ein `Nein-Gefühl` haben“, sagt Gottmanns. Dabei können Selbstbehauptungskurse oder Kampfsport helfen, am wichtigsten ist aber die Haltung in der Familie, in der ein Nein des Kindes von der Erwachsenen akzeptiert wird. Denn: Täter suchen sich meist Kinder aus, von denen sie keinen Widerstand erwarten.