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Mönchengladbach: Wie Matildas Riesenkartonhaus unsere Toleranzgrenze prüft

Opa-Kolumne : Wie Matildas Kartonhaus unsere Toleranzgrenze prüft

Im Haus unseres Kolumnisten gibt es ein nicht genehmigtes Bauprojekt. Bauherrin ist seine sechsjährige Enkelin, die gar nicht daran denkt, ihre eigenen kleinen vier Wände aufzugeben.

Ich muss Ihnen ein Versprechen abnehmen: Sie dürfen mich nicht verpetzen. Denn in unserem Haus gibt es einen Bau, für den wir keine Genehmigung haben. Sozusagen ein Inhouse-Projekt, das für Stirnrunzeln im städtischen Bauordnungsamt sorgen würde. Deren Beamte haben schon einmal regulierend eingegriffen, als beim Bau unseres Hauses die innere Mauer unseres Hauswirtschaftsraumes zu nahe am Nachbargrundstück war.

Ausgerechnet dieser Hauswirtschaftsraum ist zum Bauplatz geworden. Und das nur deshalb, weil wir für unsere Gartenlaube Outdoor-Sessel in einem Mönchengladbacher Einrichtungshaus gekauft hatten. Die Möbel kamen in einem Riesenkarton, den ich zweckentfremdete, als meine Enkelin Matilda (6) zu Besuch war.

Wir machen daraus ein Haus, versprach ich ihr, schnitt Fenster und Türe hinein und baute dank anderer Kartons eine Inneneinrichtung mit Tisch, Regalen und anderen Ablageflächen. Danach strahlte mich Matilda an. „Das ist jetzt mein Haus“, sagte sie. Da sie zwei Schwestern hat und als Mittlere oft in der Situation ist, ihre Rechte durchsetzen zu müssen, ist das „mein“ für sie wichtig. Und klar: Warum sollte sie kein eigenes „Haus“ haben?

Wir haben es erweitert. Ein zweiter größerer Karton verwandelte sich in eine Garage, in dem ein Bobbycar steht. Es gibt einen Briefkasten, Taschenlampenlicht, und alle „Türen“ sind mit Spezialschlössern gesichert. Matildas Spielumfeld kreist bei uns meist um „mein Haus“, das sie auch angemalt hat: Es ist Ausgangspunkt allerlei Aktionen, im Großkarton trifft sich der imaginäre Detektivklub von Matilda, hier speist und trinkt Matilda, wenn sie bei uns ist. Was für sie sehr wichtig ist: Ihre Schwestern machen ihr das Haus nicht streitig, erkennen an, dass es ihr Haus ist.

Nur wir, meine Frau und ich, haben nicht damit gerechnet, dass Matildas Haus für sie eine solche Bedeutung bekommt. Denn der Platz ist nun erheblich eingeschränkt. Wir drehen und wenden uns und machen uns dünne, damit wir nicht gegen das Haus stoßen. Dessen pappige Außenmauern sind mittlerweile wellig, und auch seine Statik ist ramponiert. Deshalb habe ich – ganz vorsichtig und gefühlvoll – Matilda auf den Moment vorbereiten wollen, an dem ihr Haus im Container landen wird. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ich habe diesen Gedanken sofort verworfen. Die Toleranzgrenze, die wir als Eltern enger gezogen hatten, wächst in der Rolle als Großeltern ins Unendliche.

Seit Matilda ihr Haus hat, stehen Gebäude für sie im Mittelpunkt. Sie malt Häuser, sie bastelt Häuser, sie baut in ihrem Kinderzimmer gerne Höhlen, in die sie sich verzieht.

Bevor Sie Ihren Sigmund Freud aus dem Bücherschrank holen und tiefenpsychologische Rückschlüsse ziehen wollen, muss ich Sie enttäuschen. Denn weil Großeltern auch die Deutungshoheit über das kindliche Spiel haben, steht für mich fest: Matilda wird Architektin. Und wenn irgendwann ihr Namen im Atemzug mit dem in Mönchengladbach bestens bekannten Stararchitekten Hans Hollein und Sir Nicholas Grimshaw genannt wird, denken Sie an diese Kolumne.

Und an das Riesenkartonhaus in unserem Hauswirtschaftsraum, das bis dahin musealen Charakter hat. Aber vorher müssen wir dafür noch anbauen.

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von drei Mädchen, Hannah (9), Matilda (6) und Elisa (3). An dieser Stelle berichtet er regelmäßig von seinem aufregenden Opa-Leben. Foto: Ilgner