Mönchengladbach: Wie Marcel mit Down-Syndrom selbstständig lebt

Familien in Mönchengladbach : Wie ein junger Mann mit Down Syndrom das Leben meistert

Marcel turnt, spielt Schlagzeug und ist nun bei seinen Eltern ausgezogen – obwohl er mit dem Down-Syndrom zur Welt kam. Wie dem jungen Mann der Schritt in ein selbstständiges Leben gelang.

Bei einem Open-Air-Konzert im Volksgarten will die Band auf eine Zugabe verzichten, weil der Drummer den Zug nach Hamburg bekommen muss. Doch sie haben die Rechnung ohne Marcel gemacht: der 24-Jährige Mann meldet sich, springt auf die Bühne und übernimmt das Schlagzeug. Er spielt Viervierteltakt, die Band einen Walzer im Dreivierteltakt. Egal, das Publikum ist begeistert.

„Marcel hat viel Selbstbewusstsein und arbeitet konsequent auf ein Ziel hin“, sagt seine Mutter Beata Zajac. Dass das so ist, verdankt Marcel den eigenen Fähigkeiten, aber auch der liebevollen und ausdauernden Unterstützung durch seine Eltern. Jedes Kind braucht diese Zuwendung, aber Marcel noch ein wenig mehr, denn er wurde mit Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, geboren.

Dass er nicht nur Schlagzeug spielen lernen, sondern auch ein erfolgreicher Turner werden würde, war bei seiner Geburt keineswegs klar. Jedenfalls nicht dem Oberarzt, der Marcels Vater riet, am besten gar nichts zu erwarten. Es war die Umwelt, die das Leben der Familie schwierig machte, nicht der kleine Junge selbst. „Marcel war ein unglaublich süßes Baby“, sagt seine Mutter. „Ein Sonnenschein, der kaum geschrien und alle angestrahlt hat.“ Bei einer Kur erlebt Beata Zajac, wie eine andere Mutter in Tränen ausbricht, als sie Marcel auf dem Arm nimmt – sie hatte sich gegen ein Kind mit Down-Syndrom entschieden.

Seine Eltern tun viel, um Marcel ein möglichst normales Aufwachsen zu ermöglichen. Da Inklusion vor 20 Jahren noch ein Fremdwort ist, müssen sie lange nach einem Kindergarten suchen, der Marcel aufnimmt. Nach vielen Absagen klappt es schließlich. „Inklusion beginnt im Herzen“, sagt Marcels Mutter. „Die Leiterin der Kita in der Albertusstraße war mit Überzeugung dabei.“ Schwieriger ist es, eine passende Grundschule zu finden. Die Montessori-Grundschule, die Marcels älterer Bruder besucht, will Marcel damals zur großen Enttäuschung seiner Familie nicht aufnehmen. Er besucht schließlich eine Grundschule in Neuwerk im Rahmen eines Pilotprojekts.

Dabei zeigt sich immer wieder seine hohe emotionale Intelligenz. Wenn ein Mitschüler weint, bringt Marcel schnell ein Taschentuch. Hilfsbereitschaft zeichnet ihn aus. „Er will immer helfen, wo andere sich drücken“, sagt Beata Zajac. „Marcel kann dem Tag Licht geben.“ Während Marcel die Grundschule meistert, auch dank eines besonders zugewandten Zivildienstleistenden, der ihn begleitet, zeigt sich die staatliche Bürokratie von ihrer absurden Seite. Familie Zajac bekommt ein Schreiben, in dem Marcel sein Behindertenstatus aberkannt werden soll, weil er eine Regelschule besucht. „Mein Vertrauen in die Unterstützung durch staatliche Stellen schrumpfte immer mehr“, sagt Beata Zajac rückblickend.

Was stattdessen funktioniert, ist die Normalität des Alltags, den Marcel dank seiner Familie erleben kann. Die Eltern, beide Sporttherapeuten, leben in einer Wohnung auf dem Gelände eines Sportvereins. „Die Turnhalle war immer Marcels zweites Kinderzimmer“, sagt sein Vater. Lange beobachtet der Junge die Sportler, dann will er mitmachen. Bei den Show-Turnern des TuS Jahn in einer Gruppe, die sich Tujalon nennt. Er fühlt sich dort wohl, Trainerin Marion Lehwald kennt seine Fähigkeiten und setzt ihn entsprechend ein. Marcel hat viel Kraft. „Er ist sehr gut bei Hebefiguren“, sagt seine Trainerin. Und Tujalon feiert große Erfolge: Bereits dreimal hat die Gruppe NRW beim Gruppenwettkampf der Turnerjugend im Bundesfinale vertreten. Marcel ist immer mit dabei. Mit Begeisterung und ohne Lampenfieber.

Vor kurzem hat der junge Mann einen weiteren Schritt in die Selbstständigkeit getan: Er hat seine eigenen vier Wände in einem ambulant betreuten Wohnangebot bezogen. Seine Freundin wohnt nebenan. Sein nächstes Ziel: Er will demnächst allein zu den Spielen „seiner“ Borussia. Und einen großen Berufstraum hat er auch: bei der Feuerwehr. Er hat schon so viel geschafft – wer weiß, was noch möglich ist.

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