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Mönchengladbach: Wie ich zum Aushilfslehrer der Aushilfslehrerin wurde

Opa-Kolumne : Wie ich zum Aushilfslehrer der Aushilfslehrerin wurde

Unser Autor wurde gleich in zweifacher Hinsicht vom Ehrgeiz gepackt. Das hat zum einen etwas mit Pädagogik zu tun, zum anderen mit seinen Enkelinnen. Den letzten Kick gab aber ein Schwangerschafts-Shirt.

Heute schreibe ich über Schule. Sie fragen sich: Warum erzählt er davon in den Ferien? Was qualifiziert ihn, der wegen seines Alters mit Schule nichts mehr zu tun hat, über diese zu schreiben? Meine Antwort auf die zweite Frage erklärt manches. Ich war in den Monaten vor den Sommerferien oft „Lehrer“: Aushilfs-Lehrer Opa vertrat Aushilfs-Lehrerin Mama. Und das hatte mit Covid-19 zu tun.

Als Schulen statt Präsenz- nur Distanz- und Wechselunterricht anboten, verlagerten sich die Aufgaben. Plötzlich mussten Eltern die Rolle der Lehrer übernehmen. Es ist viel berichtet worden, wie sich das auf Kinder und Familien auswirkte. Trotzdem will ich meinen Senf dazu geben, denn wie mir ist es vermutlich vielen Omas und Opas ergangen: Sie erlebten, wie sich eine perfekte, fortschrittliche Gesellschaft plötzlich einer unbekannten Herausforderung stellen musste – oft mit kognitiven und emotionalen Folgen.

Meine Enkelin Hannah (11) ist nach meiner Meinung ein Profiteur von Homeschooling. Natürlich fehlte auch ihr der direkte Kontakt zu Mitschülern und Lehrern. Beim Umgang mit digitalen Medien machte sie aber einen Riesensprung. Sie ist sehr zuverlässig und gewissenhaft, Schule und Lernen machen ihr Spaß. Und sie besucht ein Gymnasium mit einem guten digitalen Unterrichtskonzept und hat tolle Lehrer, die es umsetzten. Hannah genoss die Rolle, wie Papa Homeoffice machen zu können. Mit Notebook und Handy zog sie sich an ihren Schreibtisch zurück, und alle mussten Rücksicht nehmen, wenn sie ihre Videokonferenzen hatte. Davon gab es reichlich. Manchmal war ich auch gefragt: „Opa, du bist gut in Politik. Kannst du mir helfen?“

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Elisa (4) dagegen wurde immer stiller, zurückhaltender, auch ängstlicher. Ausgerechnet sie, die sich so temperamentvoll, mitunter frech verhielt. Es fehlte die Interaktion im Kindergarten, der unbekümmerte Besuch des Spielplatzes, es gab oft Aufforderungen, sich vorsichtig zu verhalten. Zum Glück änderte sich vieles, als sie wieder den Kindergarten besuchte.

Und Matilda? Die erste Klasse in der Grundschule, der Schritt in einen neuen Lebensabschnitt. Und dann plötzlich ein abruptes Ende: statt ABC-Lernen in der Klasse und Toben auf dem Schulhof, endlose Lern-Stunden mit Mama am heimischen Schreibtisch. Die Siebenjährige opponierte, und da war es gut, dass Oma und Opa als Aushilfs-Lehrer einsprangen. Meine Frau als Autorität, weil sie seit Jahrzehnten in der Grundschule arbeitet. Und ich mit meinem Hang zur Erlebnispädagogik. Matilda und ich kreierten das Spiel „Versteckter Lehrer“. Weil wir beide davon genervt waren, wenn ich neben ihr saß und sie ihre Aufgaben machte, suchte ich mir im Haus einen Platz, während sie innerhalb eines Zeitintervalls alleine schrieb und rechnete. Am Ende freuten wir uns wie Bolle, wenn sie keine oder wenige Fehler machte oder schneller fertig war, bevor der „Wecker“ klingelte. Dieses Spiel half über Lernstress hinweg.

 Matilda hat auch ihre Erfolgs-Techniken. Diese können sehr diffizil sein. Ich will Sie nicht mit meinen Fitnessstand langweilen. Aber diejenigen, die mich aus meinen Laufprogrammen bei der Rheinischen Post kennen, werden schmunzeln, wenn ich von meinem Bäuchlein berichte. Das ist weg – jedenfalls so quasi fast. Denn ich trainiere wieder. Daran hat Matilda ihren Anteil. Das kam so: An einem der wenigen heißen Tage spritzten meine Enkelinnen und ich uns mit dem Wasserschlauch nass. Während sie aber Ersatzklamotten hatten, stand ich wie ein begossener Pudel da. Matilda wandte sich an ihre Mutter: „Mama, hast du für Opa eins deiner Schwangerschafts-Shirts?“

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (11), Matilda (7) und Elisa (4). Regelmäßig berichtet er vom aufregenden Opa-Leben. Foto: Ilgner