Mönchengladbach: Wie ich als Nikolaus mit dem Feuer der Erkenntnis spielte

Opa-Kolumne : Wie ich als Nikolaus mit dem Feuer der Erkenntnis spielte

Im weinroten Kostüm und Mitra auf dem Kopf hat unser Kolumnist eines erfahren: Doppelseitiges Klebeband hält zwar jeden Teppich eisern am Boden fest, aber nicht die buschigen Brauen auf seiner Haut.

Ich habe es getan. Wenn Sie jetzt ein persönliches Geständnis über Sex, Drugs und Rock’n’Roll erwarten, muss ich Sie enttäuschen. Ich entführe Sie nicht in die Abgründe meiner Seele, denn diese sind mir nicht bekannt. Aber ich habe es wieder getan – ich war Nikolaus. Dabei mag ich es überhaupt nicht, mich zu verkleiden.

Doch aus der Rolle als Nikolaus-Darsteller komme ich nicht mehr raus. Meine Enkelin Hannah war zwei Jahre alt, als ich der Bitte meines Sohnes erlag und als Nikolaus debütierte. Diese Rolle ist mir wahrlich nicht auf den Leib geschneidert. Ich bin eher klein, mit einem voluminösen Nikolaus-Umfang kann ich ebenfalls nicht dienen, und meine Stimme brummt nicht als Bass.

Aber dafür besitze ich ein schönes Nikolaus-Kostüm, einen langen weißen Bart, eine herrliche Lockenpracht auf dem Kopf und eine glaslose Nickelbrille. Ich habe bei meinen sieben Auftritten ausreichend Erfahrungen gesammelt, stolpere nicht mehr über mein Kostüm und inszeniere meine Auftritte halbwegs geschickt. Die Mitra, die mir bei der Premiere noch vom Lockenkopf rutschte, sitzt dank Gummizug inzwischen perfekt.

Und trotzdem: Jeder meiner Nikolaus-Auftritte beinhaltet die Möglichkeit des Scheiterns. Denn ich werde meine Paraderolle sofort aufgeben, wenn ich erkannt werde. Und mit jedem Jahr, das meine Enkeltöchter älter macht, wird die Chance größer, dass Schluss ist mit meiner Nikolaus-Autorität. Hannah hat mit ihren neun Jahren die Schwelle längst überschritten, sie weiß, wer sich im weinroten Kostüm verbirgt. Aber sie ist verschwiegen.

Zehn Kinder stellten in diesem Jahr den Nikolaus auf die Probe. Der Auftakt war wenig verheißungsvoll. Der Jüngste umarmte heftig einen Leuchtstern mit einem Meter Durchmesser. Der Stern kippte um, begrub den Kleinen unter sich. Zum Glück war das Leuchtelement leicht. Der Nikolaus umschiffte das Geschehen souverän, erzählte eine Geschichte über den Unsinn-Engel Rudi und den verschwundenen Bischofshut, den zwei im Himmel berüchtigte Engel-Diebe geklaut hatten. Und natürlich gab es ein engelhaftes Detektivinnen-Trio, die „Drei !!!“ waren schließlich auch im Himmel angekommen.

Dann forderte das Kopfkissen seinen Tribut. Das hatte ich mir unters T-Shirt gestopft, um den Nikolaus-Mantel auszufüllen. Doch das sorgte für Schweißtropfen, die sich unter dem Lockenkopf von der Stirn aus einen Weg suchten. Leider widerstanden die aufgeklebten Augenbrauen den Feuchtigkeitsfilm nicht. Es ist eine Crux: Alles habe ich mir in meinen Nikolaus-Lehrjahren erarbeitet, aber eine dauerhafte Klebelösung für die Augenbrauen habe ich nicht gefunden: Doppelseitiges Klebeband hält zwar jeden Teppich eisern am Boden fest, aber nicht die buschigen Brauen auf meiner Haut.

Bemerkten die Kinder nicht, dass sich der Nikolaus so quasi auflöste? Das veranlasste mich, mit dem Feuer der Erkenntnis zu spielen. „Hannah Pommerenko“, nenne ich meine Enkelin häufig. Warum? Weiß ich nicht. Einfach so. In ihr lächelndes Gesicht sagte ich: „Ich kenne eine Hannah Pommerenka.“ Für oberflächliche  Leser: „a“ statt „o“ am Ende. „Ach ja“, antwortete Hannah weise. Ihre Schwester Matilda (6) aber korrigierte: „Opa Dieter sagt immer Pommerenko.“ In dem Moment wusste ich: Dieses Jahr bleibt mein Geheimnis unangetastet, als Nikolaus-Darsteller werde ich gebraucht. Aber das Ende naht. Als ich zu Hause war, erklärte meine jüngste Enkelin (2) ihrem Papa: „Nikolaus hat schöne Geschichte erzählt. Wie Opa.“

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (9), Matilda (6) und Elisa (2). Foto: Detlef Ilgner