Mönchengladbach: Wie "Engelblau" das Leben verändert

Opa-Kolumne : Wie „Engelblau“ das Leben mit einem Schlag verändern kann

Enkel zu verwöhnen, ist eine Sache, wenn sie dabei krank werden eine ganz andere. Unser Kolumnist erklärt, warum ein Eiskauf Schuldgefühle auslösen kann.

Nein, ich glaube nicht an die Vorsehung. Ich singe nicht Hare Krishna und begebe mich auch nicht auf eine spirituelle Reise. Nüchterner Pragmatismus bestimmt seit vielen Jahren mein Leben. Und doch: Gibt es nicht vielleicht Situationen, die vorherbestimmt erscheinen? Die in der Magengegend ein komisches Gefühl verursachen? Und das dann alles andere als schön ist.

Erst jüngst erlebte ich so eine Situation. Als Opa war ich gefordert, als meine Enkelinnen Matilda (5) und Elisa (2) betreut werden mussten. Und weil Dauerbesuche auf dem Spielplatz langweilig werden, hatte ich eine Idee: „Wir fahren in die Kinderbücherei!“ Er kam an, der Vorschlag, und der Besuch gestaltete sich gut. Matilda und Elisa fanden genügend Bilderbücher, deckten sich mit CDs ein und suchten außerdem Lesestoff für die große Schwester.

 Als ich mit den Kindern und einem prall gefüllten Medienkorb die Bücherei verließ, war ich stolz wie Oscar. Alles glänzend bewältigt. Bis zu dem Moment, als Matilda „Ich möchte ein Eis“ sagte. Da war ein Bauchgrummeln. Ein Eis am frühen Abend? Und dies von einer Eisdiele, die sonst nie besucht wird? Als Matilda „Engelblau“ forderte, wandelte sich das Grummeln in ein Rumpeln. „Engelblau?“ Aber Opa wollte den Wunsch nicht abschlagen. Unterwegs zum Auto noch ein Foto mit den mit Eis verschmierten Mündern: Elisa schokofarben, Matilda blau.

 Am nächsten Tag die Nachricht: Matilda hat eine Magen-Darmgeschichte. Das ist bei kleinen Kindern zwar nichts Ungewöhnliches, doch ich erinnerte mich des Grummelns in meinem Bauch. Die Darmprobleme bei Matilda wurden stärker. Irgendwann am Sonntagnach hieß es: „Matilda muss ins Krankenhaus. Es ist wohl eine Salmonellen-Vergiftung.“ Weil alle anderen gesund blieben, wurde die Nahrungskette kontrolliert. Einziger Unterschied zu allen anderen war bei Matilda das Eis „Engelblau“ – das hatte sonst niemand gegessen. Hatte ich versagt, weil ich die Vorsehung, das Grummeln im Bauch, ignoriert hatte?

 Vermutlich kennen Sie als Großeltern dieses Gefühl und die besondere Verantwortung, die Sie als Oma und Opa tragen. Als Vater traf ich früher zwar auch Entscheidungen, die falsch waren oder sich im Nachhinein als falsch herausstellten. Aber ich musste mit meiner Frau die Komplikationen ausbaden. Als Großeltern wird das Ganze zu einer Verantwortungskaskade, die – zumindest bei mir ist es so – ständig hinterfragt wird. Elisa hat nach einem Sturz ein aufgeschürftes Knie: Hätte ich erkennen können, dass sie zu müde zum Laufen war? Hannah macht ein betroffenes Gesicht: Habe ich etwas Falsches gesagt? Wäre Matilda gesund geblieben, wenn ich ein strengerer Opa gewesen wäre und das Eis versagt hätte? Auch wenn ich nicht verantwortlich dafür bin, wie die Bakterien in das Eis gekommen waren, fühle ich eine Mitschuld.

 Inzwischen hat Matilda die Rheydter Kinderklinik verlassen können. Sie wurde dort hervorragend versorgt und betreut, Mama war die ganze Zeit bei ihr. Der Fünfjährigen geht es schon wieder viel besser. Aber eine Woche lang war das Familienleben bei meinem Sohn und meiner Schwiegertochter auf den Kopf gestellt, stürzte das Organisationsgebäude dieser fünfköpfigen Familie mit einem Schlag ein. Erst langsam pendelt sich vieles wieder ein.

 Das Foto, das ich von den mit Eis verschmierten Kindermündern gemacht hatte, dient wegen des bitteren Beigeschmacks als Warnsignal. Drei Entscheidungen habe ich getroffen, die unumstößlich sind: Um diese Eisdiele mache ich künftig einen Bogen. „Engelblau“ steht dauerhaft auf dem Index. Und ich vertraue der Vorsehung – zumindest ab und zu.

Dieter Weber ist Opa von Hannah (9), Matilda (5) und Elisa (2). An dieser Stelle berichtet er vom aufregenden Opa-Leben.

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