Mönchengladbach: Wenn Opa „Om, Shanti, Shanti, Shanti“ murmelt

Opa-Kolumne : Wenn Opa „Om, Shanti, Shanti, Shanti“ murmelt

Kolumnist Dieter Weber berichtet über seine drei Enkelkinder und was er mit ihnen erlebt. Manchmal muss er dabei ganz viel Ruhe bewahren.

Geduld ist nicht gerade meine Stärke. Das werden alle bestätigen, die mich ein bisschen besser kennen: Familie, Kollegen, Freunde. Bei mir muss(te) immer alles zack-zack gehen. Seit einiger Zeit werde ich erzogen, und allmählich spüre ich das, was Hermann Hesse so treffend beschrieb: „Geduld ist das Schwerste und das Einzige, was zu lernen sich lohnt. Alle Natur, alles Wachstum, aller Friede, alles Gedeihen und Schöne in der Welt beruht auf Geduld, braucht Zeit, braucht Stille, braucht Vertrauen.“ Sie wundern sich. Ich mich auch. Über mich. Denn mein Lehrmeister ist eine kleine Person, die mich zielgerichtet von meiner Ungeduld befreit. Ihr bestimmendes Zauberwort, bei dem ich keinerlei Chance habe, mich zu widersetzen: „Alleine!“ Elisa (2) entscheidet, wie schnell oder wie langsam alles funktionieren darf. Und ich mache alles mit, weil ich mit einer zu forschen Reaktion ihrer emotionalen Entwicklung nicht schaden will. Schließlich hat Opa früher Pädagogik studiert. Und kennt seinen Hesse. Also trainiere ich Geduld.

Damit Sie sich vorstellen können, was ich damit meine, nehme ich Sie mit auf eine kurze Reise mit Elisa. Hannah (9) muss vom Ballettunterricht abgeholt werden. Das funktioniert nur mit dem Auto, weil die Ballettschule in einem anderen Stadtteil ist. Alleine Elisas Einsteigen dauert länger als die ganze Fahrt dahin. Sie zweifeln. Wenn ich es nicht immer aufs Neue erlebte, würde ich mich Ihrer Meinung glatt anschließen und den Weber zum Lügner erklären. Im Prinzip ist es auch ganz einfach: Im Auto ist ein Kindersitz. Ich könnte Elisa ins Auto heben, auf den Sitz setzen, anschnallen und los geht die Fahrt. Aber just in dem Moment, wenn meine ausgeklügelte Handlungsstrategie genauso ablaufen soll, kommt das Zauberwort: „Alleine!“ Das bedeutet: nix mehr mit schnell und einfach.

Elisa klettert in aller Ruhe ins Auto und in den Sitz und findet auf dem Weg dahin Knöpfe, Regler, ein Bilderbuch mit Siebenschläfer Bobo und verwaiste Brötchenkrumen, die es zu untersuchen gilt. Als ich das Verfahren einmal abkürzen wollte und sie resolut in den Kindersitz platzierte, gab es erst Geschrei, dann das schneidige „Alleine!“ – und Elisa kletterte protestierend aus dem Auto, um die Prozedur von vorne zu beginnen. Was bleibt mir da anderes als innere Einkehr: „Om, Shanti, Shanti, Shanti!“ – dreifacher Frieden in Körper, Geist, Seele. Das Ganze wird potenziert, wenn Matilda (5) dabei ist. Sie hat zwar den „Alleine!“-Status längst verlassen, sucht aber die Herausforderungen am Wegesrand. Etwa sich an einem etwa einem Meter hohen Geländer entlang zu hangeln, wenn gleichzeitig eine Hecke ihren Weg versperrt. Und während sie dies bewältigt, hat Elisa einen Parcours mit Treppenstufen, ein Balancier-Mäuerchen und andere Hindernisse für sich entdeckt. Beide Touren haben eins gemein: Sie pulverisieren im Nu viele Minuten eines 24-Stundentags.

Hannah (9) ertrug die Abwege ihrer beiden Schwestern im Übrigen bisher mit stoischer Gelassenheit. Bis jüngst, als wir sie von der Schule abholten. Da gewannen Opas Gene bei ihr die Oberhand. „Macht hinne!“, rief sie ungeduldig der hangelnden Matilda und der balancierenden Elisa zu. Für einen Moment waren wir beide, Hannah und ich, eins im Geiste. Opa als ganz großer Pädagoge hat Hermann Hesse zitiert. Und zusammen haben wir unser jetzt gemeinsames Mantra gemurmelt: „Om, Shanti, Shanti, Shanti.“

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von Hannah (9), Matilda (5) und Elisa (2). An dieser Stelle berichtet er regelmäßig vom aufregenden Opa-Leben.
Foto: Ilgner

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