Mönchengladbach: Was "Spitzenreiter" mit einem Cheeseburger gemein hat

Opa-Kolumne : Was „Spitzenreiter!“ mit einem Cheeseburger gemein hat

Heute schreibe ich über die kindliche Sprache. Das ist eine Wanderung auf dem Grat, weil der Kindermund oft für lustige Verdreher sorgt. Eltern und Großeltern von kleinen Kindern können damit ein abendfüllendes Programm bestreiten.

Nein, darum geht es in dieser Kolumne nicht. Sondern um die Wechselwirkung zwischen dem, was wir Großen sagen und wie es Kinder verarbeiten.

Mein erstes Beispiel stammt von meinem Sohn und macht deutlich, was ich meine. Als ich ihn das erste Mal mit zu einem Fußballspiel nahm, weil mein ehemaliges Fußballidol Werner Waddey, ein Ex-Borusse, Trainer einer der beiden Mannschaften war, habe ich meinem Sohn alles haarklein erklärt, was auf dem Spielfeld passierte. Und das war viel. Unter anderem gab es für einen Fußballer wegen eines Fouls einen Platzverweis. „Ein Foul!“, sagte ich. Als wir zu Hause waren, erzählte der damals Vierjährige seiner Mutter: „Mama, wenn einer faul ist und auf dem Boden liegt, dann bekommt er eine rote Karte.“

Das war früher. Im heutigen Großeltern-Haushalt gibt es ein Bilderbuch, das meine Enkelinnen lieben. Es heißt „Ich will Nudeln“, Autorin ist die Amerikanerin Stephanie Blake. Dieses Buch ist herrlich unkonventionell, frech und hat einen geradezu aufsässigen Charakter. Erzählt wird die Geschichte des kleinen Hasen Simon, der immer nur Nudeln essen will.

Das ist bei meinen Enkelinnen ähnlich. Meine Schwiegertochter behauptet steif und fest, dass ihre Kinder keine Nudeln essen, sondern sie inhalieren würden. Hase Simon jedenfalls lehnt Schnitzel, Bohnen und Haferflocken ab, ruft „IHHKÜRBISSUPPEISTEKLIG!“ und schreit trotzig herum, weil er keine Nudeln bekommt. Irgendwann lässt er sich von Schokoladenkuchen korrumpieren und löffelt sogar Kürbissuppe.

Elisa (2) liebt dieses Buch. Sie ruft mit Hase Simon „Ich will Nudeln!“ und „IHHKÜRBISSUPPEISTEKLIG!“. Und wenn Simon seinen Trotzanfall hat, dann wird ihr „Ich will Nudeln!“ zu einem Crescendo. Doch wie soll das Kind zwischen Bilderbuch-Wirklichkeit und der Realität unterscheiden? Jüngst waren wir in einem Restaurant. Kaum hatte Elisa im Hochstuhl Platz genommen, brüllte sie durch das Lokal: „Ich will Nudeln!“

Vor anderthalb Wochen waren mein Sohn und ich mit Hannah (9) und Matilda (5) beim Spiel der Borussia gegen Augsburg. Es regnete in Strömen. Aber die Kinder hatten Spaß, weil Borussia fünf Tore schoss und sie oft jubeln konnten. Matilda schaute nur einmal bekümmert drein. Nein, nicht beim Augsburger Tor, sondern beim verletzungsbedingten Abgang von Matthias Ginter. „Matilda ist in den verliebt“, raunte mir Hannah verschwörerisch zu. Aha! Liebe Frau Ginter, angesichts des sehr jugendlichen Alters von Matilda sehe ich allerdings keinen Grund für vielleicht aufkeimende Eifersucht.

Meine Enkelinnen waren in den 90 Minuten heißblütige Borussia-Fans. Sie sangen mit Inbrunst „Die Seele brennt“ und brüllten bei jedem Tor der Borussia begeistert „Dööp, Döp, Dööp, Dödö, Döp, Döp, Döp“. Nur mit dem Ruf „Spitzenreiter! Spitzenreiter!“ aus Tausenden Fankehlen hatte Matilda wegen des Halls im Stadion Probleme. Und das bringt uns zum Einstieg dieser Kolumne zurück – was wir von uns geben und wie Kinder dies verarbeiten.

Matilda rief nicht „Spitzenreiter! Spitzenreiter!“, sondern das, was sie verstanden hatte. Und das war: „Cheeseburger! Cheeseburger!“

Kolumnist Dieter Weber ist Opa von drei Mädchen: Hannah (9), Matilda (5) und Elisa (2).

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