Mönchengladbach: Naturpädagogik für Kleinkinder

Naturpädagogik : Große Abenteuer für kleine Leute

Mauselöcher werden erforscht, Frösche durch die Lupe studiert, und aus einem Ast wird im Handumdrehen eine Wippe. In der Waldspielgruppe erleben Kleinkinder die Natur mit allen Sinnen.

Ein herbstlich blauer Himmel wölbt sich über dem Rheydter Stadtwald. Auf den Wegen sind Spaziergänger und Jogger unterwegs, und auf dem Spielplatz toben Kinder. Abseits der Wege jedoch, für städtische Verhältnisse tief im Wald, ist eine besondere Gruppe unterwegs. Zehn Kinder, die meisten ungefähr zwei Jahre alt, erkunden die Natur, sammeln, beobachten, laufen, fallen hin und stehen wieder auf. Jetzt haben sie etwas Neues entdeckt: auf dem Platz, auf dem sie und ihre erwachsenen Begleiterinnen eine kleine Rast gelegt haben, liegt ein gebogener Ast. Finja, Melina, Paul und Felix nutzen ihn als Wippe. „Das haben sie sich gerade selbst ausgedacht“, sagt Pia Friedl, angehende Kindheitspädagogin und Kursleiterin. Der Ast hatte auch schon in der vergangenen Woche an dieser Stelle gelegen, aber seine Möglichkeiten blieben bis eben noch unerkannt.

Den Kindern wird es so schnell nicht langweilig im Wald. Wie auch, es gibt ja so viel zu sehen und so viele Dinge zu finden und zu erproben. Pauline hat eine Tasche voll Tannenzapfen und Eicheln gesammelt. „Die nehmen wir mit nach Hause“, sagt Paulines Mutter Hanne. Die Waldspielgruppe der Familienbildungsstätte sei ein echter Glücksfall für sie. „Pauline ist eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Ronja Räubertochter. Sie ist bei jeder Wetterlage am allerliebsten draußen.“

Da kommt die Waldspielgruppe gerade recht, hier kann sie mit anderen Kindern und deren Müttern, Tanten oder Großmüttern im Freien unterwegs sein. Immer wieder lenkt Pia Friedl die Aufmerksamkeit der Kinder auf Besonderheiten: ein Mauseloch zum Beispiel. Sie hat ein Foto einer Maus dabei und legt es neben das Loch, die Zweijährigen sind fasziniert. So eine Maus lebt da drinnen? Vorsichtig steckt Adriano einen Finger hinein, aber die Maus lässt sich natürlich nicht blicken und auch nicht anfassen. Zuvor hatten sie aber schon einen Laubfrosch entdeckt, behutsam eingefangen, durch ein Vergrößerungsglas betrachtet und wieder in die Freiheit entlassen.

Pia Friedl hat bei einem Praktikum in Dänemark die Naturpädagogik kennengelernt und sich davon begeistern lassen. Bereits im Frühling hat sie die erste Waldspielgruppe im Rahmen des Programms der Familienbildungsstätte (fbs) angeboten. Fritz und seine Mutter sind von Anfang an dabei. „Fritz spielt nicht gern mit Spielzeug. Er bewegt sich lieber draußen“, sagt die Mutter des Zweijährigen. Regentage drinnen zu verbringen kann da schon anstrengend sein. Draußen aber stört auch ein bisschen Feuchtigkeit die Begeisterung der Kinder nicht. „Letzte Woche hat es geregnet“, sagt Pia Friedl. „Da haben wir uns eine Höhle gesucht, wisst ihr noch?“ Die Kinder nicken und dann geht die ganze Gruppe noch einmal los, um die Höhle anzusehen. Sie entpuppt sich als Fliederbusch mit tiefhängenden Zweigen. „Melina mag eigentlich keinen Regen“, erklärt ihre Mutter, „aber letzte Woche ist sie mit viel Spaß dabei geblieben.“ Scheinbar schlechtes Wetter schreckt eben eher Erwachsene ab als Kinder.

Weiter geht auf dem Abenteuerpfad durch den Stadtwald. Unter einem Baum findet sich ein weiteres Mauseloch. Ein trockener Graben ist wunderbar zum Runterlaufen geeignet. Auf dem Weg kann man mit Ästen klopfen oder in den Staub malen. „Die Kindheit findet heute immer mehr drinnen statt“, sagt Friedl. „Beim Spielen in der Natur wird die Kreativität angeregt und der Spracherwerb gefördert, weil immer neue Themen auftauchen und besprochen werden.“ Von der Motorik ganz zu schweigen. Nach anderthalb Stunden nähert sich das Abenteuer der kleinen Entdecker seinem Ende. Sie laufen noch über die Brücke, lauschen dem Klang ihrer Schritte und versammeln sich zum Abschlusslied am Teich. Inzwischen sind sie auch rechtschaffen müde, nehmen neue Erfahrungen und Tannenzapfen mit nach Hause.

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