Mönchengladbach: Langeweile? Kenne ich nicht

Großfamilien-Kolumne : Langeweile? Kennt meine Familie nicht

Unsere Kolumnistin hatte mit ihren fünf Kindern immer viel Abwechslung. Da konnte selbst die Fahrt zur Schule im „Rippi-Express“ zum Abenteuer werden.

Es gibt ein Wort, dass in meinem Wortschatz so gut wie gar nicht vorkommt und das ist „Langweile“. Schon als Kind und Jugendliche hatte es für mich keine Bedeutung, aber als Mutter und Großmutter verlor es praktisch die Berechtigung zur Existenz. Jeder Tag ist ein Tag mit neuen, aufregenden Herausforderungen.

Als Mutter begann mein Tag meistens um 6.30 Uhr: Kinder wecken, ins Bad scheuchen, diskutieren, ob das Shirt „cool“ oder doch zu „babyhaft“ sei, Brote fertigmachen. 7.50 Uhr: alle ins Auto, Kind Nr. 3, das sich wie jeden Morgen über Kind Nr. 4 aufregt, denn Nr. 4 hat ja noch drei Minuten bis zur Abfahrt. Alle Schultaschen, Turn- und Schwimmbeutel an Bord? Kind Nr. 1 schreibt Klausur und braucht noch dringend einen Klausurbogen. Nr. 5 fällt gerade noch ein, dass es ja heute was zum Frühstück mitbringen soll. Schnell noch was aus dem Kühlschrank holen, gut, dass wir gestern noch einkaufen waren. Kleine Diskussion mit Nr. 2, das eine Jacke für völlig überflüssig hält („Die paar Tröpfchen Regen“). Schnell noch klären, wer vorne sitzen darf. Gestern war es Nr. 2, da ist sich Nr. 1 ganz sicher. Nr. 3 ist fest überzeugt, dass es dran ist. Nr. 2 greift durch, setzt sich neben mich ohne sich weiter an dem Streitgespräch zu beteiligen. Warum auch? Schmollend steigen alle ein, endlich Abfahrt. Allerdings nur bis zur Ecke, da stehen ja die beiden Freunde von Nr. 5. Im Siebensitzer geht es mit neun Leuten an Bord weiter. Die Anzahl der Passagiere, steigt während der Fahrt noch an, denn unterwegs werden noch ein paar Nachzügler eingesammelt.

Ich bin fest davon überzeugt, dass damals die Quote der Zuspätkommer durch unseren „Rippi-Express“ niedriger war. So turbulent wie die Tage begannen, so blieben sie auch meist. Wenn ich von den Vorlesungen oder von der Arbeit kam, war die ganze Rasselbande auch zurück, natürlich mit den Freunden im Gepäck. Nicht selten saßen am Mittagstisch nicht nur meine fünf Sprösslinge, sondern noch mindestens fünf weitere. Selbstverständlich wurden keine Unterschiede gemacht: Wer mitessen kann, kann auch die Küchendienste mitmachen. Die Hausaufgaben lassen sich in Gemeinschaft eh besser erledigen. Die Jüngeren bekamen Hilfe durch die Älteren. Die Älteren warteten mit Mathe und Physik auf Papa, Sprachen und Geschichte fielen mehr in mein Ressort. Als die Kinder noch jünger waren, ging es danach raus zum Spielen, was allerdings nicht bedeutet hat, dass es ruhiger wurde. Im Sommer ging es noch, da stand die Terrassentüre offen, aber an kühlen Tagen klingelte es ständig an der Tür. „Wir möchten etwas trinken“, „Ich muss mal …“ Das Toben im Freien ging bis in die Dunkelheit. Meine Brut, die den Dreck anzog, zog die schmutzige Kleidung bereits auf der Terrasse aus. Kälte härtet ab, darum waren sie wohl auch so selten krank. Kinderschar nach oben in die „Bütt“, die Wäsche in den Sack. Als sie älter wurden, saßen sie lieber mit ihren Leuten auf der Terrasse oder in ihren Zimmern. Aus allen Ecken hörte man die unterschiedlichsten Musikrichtungen, von Klassik, House, Pop zu bis zu Heavy Metal. Die einzige Gemeinsamkeit war die Lautstärke. So ging es tagaus, tagein, und wir als Eltern haben es doch die meiste Zeit genossen. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass man nie vergisst, welches Geschenk Kinder doch sind. Mein Mann und ich lieben bis heute, wenn das Haus voll ist.

Samira Rippegather ist Mutter von fünf Kindern, Oma von fünf Enkelkindern und Leiterin des Familienzentrums „Pfiffikus“. Hier berichtet sie vom Leben in ihrer Großfamilie. Foto: Raupold