1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Familien

Mönchengladbach: Hilfe bei psychischen Problemen von Kindern und Jugendlichen

Experten aus Mönchengladbach geben Tipps : Kindern aus der Corona-Krise helfen

Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger bei psychischen Problemen von Kindern und Jugendlichen. Was helfen kann, erklären Psychologe Professor Michael Borg-Laufs und Jugendamtsleiter Klaus Röttgen.

„Ist mein Kind depressiv oder nur schlecht drauf?“, fragen sich viele Eltern, wenn sie in den Nachrichten lesen, dass in der Corona-Pandemie 30 Prozent der Kinder psychische Störungen entwickelt haben. Wichtig zu wissen ist in diesem Zusammenhang: Betroffen sind vor allem Kinder, die ohnehin gefährdet sind, psychische Auffälligkeiten zu entwickeln. Selbst das ständige Händewaschen führt bei Kindern ohne Veranlagung zum Zwanghaften nicht in eine Zwangsstörung.

Das Feststellen „auffälligen Verhaltens“ habe immer auch mit subjektiver Wahrnehmung zu tun, erklärt Michael Borg-Laufs. Er ist Psychologe, Kinder- und Jugendtherapeut und Dekan des Fachbereichs Sozialwesen an der Hochschule Niederrhein. Dennoch gäbe es einige Kriterien. Sofern diese nicht zutreffen, müssen sich Eltern zumindest über eine Depression keine Sorgen mehr machen. „Bei kleinen Kindern äußert sich eine Depression oft durch körperliche Symptome“, so Borg-Laufs. „Appetitlosigkeit und Schlafstörungen gehören dazu, aber auch Verlust an Spielfreude.“ Eltern von Schulkindern sollten genauer hinsehen, wenn zudem noch die Schulleistung schlechter werde. Wichtig zu wissen: „Kleinere Kinder können meist noch nicht über die Traurigkeit berichten. Aber wenn gemeinsame Wohlfühl-Handlungen nicht mehr funktionieren und Dinge, die Spaß gemacht haben, nun keinen Spaß mehr machen, können das Anzeichen sein“, erklärt Borg-Laufs weiter.

  • Distanzunterricht der Gesamtschule Haan: Katharina Ruckes
    Gesamtschule Haan in Corona-Zeiten : „Die Pandemie hat uns auch stark gemacht“
  • NRW-GEsundheitsminister Karl-Josef Laumann bei einem Interview
    Corona-Newsblog : Ärztevertreter beklagen „Demontage“ der Stiko
  • Geldern, Lydia Timmermann und Jennifer Huver
    Realschule Geldern : Eltern sammeln über 1700 Unterschriften für Dreizügigkeit

Bei Jugendlichen seien die Symptome schon ähnlich wie bei Erwachsenen: Antriebslosigkeit und verminderte Freude an allen Dingen. „Allerdings wird eine Depression bei ihnen noch oft kaschiert. Sie wirken eher wütend als traurig und haben aggressive Durchbrüche“, erläutert Borg-Laufs. Wer solches Verhalten an seinen Kindern bemerkt, muss aber weder in Panik verfallen noch unbedingt sofort nach einem Therapeuten suchen. „Erst wenn eine solche Situation über zwei, drei Wochen anhält und es nicht nur ein paar schlechte Tage sind. Und wenn übliche Maßnahmen nicht mehr funktionieren, sollte man sich Hilfe suchen“, rät Borg-Laufs. Probleme mit aggressivem Verhalten können Familien oft durchaus selbst lösen. Jedoch rät Borg-Laufs, nicht zu diskutieren, wenn die Gefühle gerade hochkochten. Erst wenn Ruhe eingekehrt sei, könne man besprechen, was denn los gewesen war. „Generell hilft es, sich bewusst zu machen, dass gerade alle ziemlich dünnhäutig sind und das eigene Kind nicht böse geworden ist. Es ist schlecht drauf, weil die Zeiten schlecht sind“, beruhigt Borg-Laufs.

Sollte das nicht ausreichen, empfiehlt er eine „Wutkasse“, in die alle Familienmitglieder einzahlen, wenn sie laut werden. Wie viel, richte sich dabei nach den jeweiligen Möglichkeiten. Kleinere Kinder könnten beispielsweise zehn Cent, Jugendliche einen Euro und Erwachsene fünf Euro einzahlen. Borg-Laufs: „Wichtig ist, dass man das Geld nicht für einen schönen Familienausflug ausgibt. Es muss wehtun, wenn man in die Wutkasse zahlen muss, damit es einen Effekt hat. Also muss man das Geld weggeben, zum Beispiel spenden.“

Außerdem helfen eine Tagesstruktur und ein Rhythmus. Wenn Eltern täglich alles aufs Neue verhandeln müssten, sei das nervenaufreibend. „Am besten macht man gemeinsam mit den Kindern einen Plan, der festschreibt, was wann getan wird“, regt Borg-Laufs an. „Außerdem sollte man nicht nur die Aufgaben, sondern auch die Auszeiten strukturieren.“ Borg-Laufs: „Es muss auf alle geachtet werden. Nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die Erwachsenen. Ein Kind kann sich nur dann gut fühlen, wenn die Ressourcen gewahrt werden.“ Auch gäbe es keine Pflicht, die Kinder den ganzen Tag zu bespaßen. Borg-Laufs: „Kinder können auch alleine spielen, notfalls müssen sie es lernen. Natürlich kann und sollte man auch gemeinsam Spiele spielen. Aber man sollte sie auch im Haushalt und Alltag einbeziehen. Das kann der Beziehung sogar guttun.“

Dafür, dass es schnell und einfach für alle Hilfe gibt, die sie brauchen, sorgt Klaus Röttgen mit seinen Mitarbeitern vom Jugendamt. „Eltern sollten sich an Erzieher oder Schulsozialarbeiter wenden, denn die kennen die Angebote des Jugendamtes“, empfiehlt er als ersten Schritt. „Bei größeren Problemen gibt es Erziehungsberatungsstellen. Sie sind dezentral und bieten Beratung auch in Kitas an.“ Wie die Hilfe genau abläuft, hängt sehr von der individuellen Situation ab. Wenn Beratung nicht reiche, könne der Allgemeine soziale Dienst helfen. „Die Eltern können sich auch von den Schulsozialarbeitern dorthin begleiten lassen“, so Röttgen. „Prävention vor Intervention“, fasst er den Leitgedanken zusammen.